Chinesische Autofahrer töten absichtlich Unfallopfer – diese perverse Praxis heißt "Doppelschlag"

24. Januar 2016 - 10:35 Uhr

RTL-Korrespondentin Pia Schrörs: "Auf Chinas Straßen herrscht Anarchie"

Es klingt unglaublich, was RTL-Korrespondentin Pia Schrörs aus Peking berichtet, doch es ist grausame Realität: Autofahrer bringen Fußgänger, die sie angefahren haben, im Anschluss an den Unfall absichtlich um, indem sie sie überfahren. Bilder einer Überwachungskamera zeigen ein besonders schockierendes Beispiel: Fünfmal überrollt der Fahrer eines BMW einen dreijährigen Jungen. Beim ersten Mal ist es ein Unfall, dann setzt er noch vier Mal vor und zurück – er steigt sogar aus, um das Auto von außen gezielt über den Kleinen zu rollen. Als das Kind sich nicht mehr rührt, flüchtet der Mann.

Hinter diesem furchtbaren Treiben steckt eiskaltes Kalkül, erklärt Rechtsanwalt Zhou Zhiming. Denn ein totes Opfer kann keine Aussage mehr über den Unfall machen. Zudem seien viele Autofahrer in China versichert: wenn ein Mensch zu Tode kommt, sind die Kosten weitgehend abgedeckt und vor allem überschaubar. Wird hingegen ein Mensch schwer verletzt, werden unter Umständen Behandlungskosten oder Kompensationen für spätere Arbeitsunfähigkeit fällig – Kosten, die sich auf mehrere Hunderttausend US-Dollar summieren können. Zum Vergleich: Der BMW-Fahrer, der den kleinen Jungen mit voller Absicht ums Leben brachte, wurde nur wegen Fahrlässigkeit verurteilt – zu vier Jahren Haft und einer Geldbuße von umgerechnet 35.000 Euro.

200.000 Verkehrstote in einem Jahr

Shi Zijian kennt das Problem. Der Dozent der Polizeischule Tianjin sagt: "Die Polizei in China hat bei der Aufnahme von Unfällen viel Spielraum." Selbst in eindeutigen Fällen würden Beamten Beweise zurückhalten, wenn sie den Fall dadurch schneller abhaken könnten. Auch die Gerichte trügen dazu bei, dass sich die Zustände nicht verbessern und Zeugen lieber wegsehen, als einzugreifen oder sich zu melden. Schon häufig seien Hilfeleistende wegen Körperverletzung verurteilt worden, weil der eigentliche Schuldige nicht mehr ausfindig zu machen war, so Schrörs.

In keinem Land der Welt kommen so viele Menschen im Verkehr ums Leben wie in China, allein im vergangenen Jahr laut Weltgesundheitsorganisation mindestens 200.000. "Verkehrsregeln werden ignoriert. Es herrscht in der Regel das Recht des Stärkeren", berichtet die RTL-Korrespondentin. Auf Chinas Straßen herrsche Anarchie. Sie befürchtet: Wegen der inkonsequenten Justiz werde die Zahl der "Doppelschlag"-Opfer künftig noch zunehmen.