Chemnitz: Demonstrationen offiziell beendet- Polizei fährt Wasserwerfer auf

01. September 2018 - 22:01 Uhr

Tausende Demonstranten in Chemnitz

Mehr als 8.000 Menschen sind in Chemnitz auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. Wieder ziehen rechte Demonstranten durch die Stadt. Doch Chemnitz zeigt an diesem Samstag auch ein anderes Gesicht: Unter dem Motto "Herz statt Hetze" stellen sich Bürger rassistischen Strömungen entgegen. Auch die Polizei ist dieses Mal besser vorbereitet - bis zum Ende der Demos bleibt es weitgehend friedlich. Zur Ruhe kommt die Stadt aber an diesem Tag aber lange nicht.

Polizei stoppt Marsch aus Sicherheitsgründen

Wasserwerfer, Hubschrauber, Spezialeinheiten: Die Polizei in Chemnitz demonstriert Stärke, Krawalle wie bei den letzten Demonstrationen sollen um jeden Preis verhindert werden. Laut Versammlungsbehörde nahmen 4.500 Demonstranten an dem gemeinsamen Trauermarsch von AfD und Pegida teil. Es soll ein schweigender Trauermarsch sein, um an das 35-jährige Opfer einer Messerstecherei auf einem Chemnitzer Stadtfest zu erinnern. Die Teilnehmer einer aufgelösten Demo der rechtspopulistischen Bürgerbewegung hatten sich spontan angeschlossen. Die Versammlungsbehörde hatte nicht genehmigt, dass sich die Demonstranten auf ihren beiden Routen begegnen, wie die Stadtverwaltung bestätigt. So kommt es nun, dass Tausende doch zusammenströmen. Und dann müssen sie erst einmal lange warten - bis der neue Demonstrationszug organisiert ist.

Dann kommt der Zug mit rechten Demonstranten am frühen Abend nur stockend voran. Nach einem verspäteten Start wird der Marsch kurz vor dem Denkmal mit dem Karl-Marx-Kopf wieder gestoppt und schließlich unter lautstarkem Protest abgebrochen. Wasserwerfer fahren heran, ein großes Polizeiaufgebot am Karl-Marx-Denkmal in der Innenstadt steht wütenden Gruppen gegenüber, die "Widerstand" und "Lügenpresse" brüllen.

"Unsere Einsatzkräfte werden teilweise gezwungen, unmittelbaren Zwang einzusetzen", schreibt die Chemnitzer Polizei auf Twitter. Linke Gegendemonstranten versuchten, die Route der Rechten zu blockieren, unter ihnen auch Mitglieder des sogenannten schwarzen Blocks. "Die Polizei hat sie aus Sicherheitsgründen aufgehalten", berichtet Reporter Thomas Präkelt vor Ort. "Von Linken und Rechten sickern auch aus den Nebenstraßen Provokateure durch. Dann muss man Auseinandersetzungen befürchten."

Es bietet sich ein bizarres Bild

Den Rechten stehen mindestens 3.500 Gegendemonstranten gegenüber. Ein Bündnis aus rund 70 Vereinen, Organisationen und Parteien hatte zu einer ganzen Reihe Anti-Nazi-Demonstrationen aufgerufen. Auf einem Parkplatz bei der Johanniskirche versammelten sich Teilnehmer einer Kundgebung des Bündnisses "Chemnitz Nazifrei". Mit dabei waren unter anderem SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch. 

Zwischen den unterschiedlichen Kundgebungen liegt der Tatort. Auch an diesem Samstag legen Bürger weitere Blumen an der Gedenkstelle nieder und zünden Kerzen an - halten inne. Als die Innenstadt im Zeichen der Demonstrationen und Kundgebungen steht, bietet sich ein bizarres Bild. Dort und auch im Umfeld muss immer wieder die Polizei einschreiten, um Scharmützel und Auseinandersetzungen zwischen den Lagern zu verhindern. 

Um in Chemnitz trotz tausender Demonstranten für Ordnung sorgen zu können, wurde sogar ein Fußballspiel abgesagt. Die Zweitliga-Vereine Dynamo Dresden und der Hamburger SV müssen ihre Begegnung in Dresden verlegen, weil die Polizei Sachsen nicht beide Großereignisse ausreichend schützen kann.

Außenminister Heiko Maas rief vor den Demonstrationen und anlässlich des 79. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges zu einem entschlossenen Eintreten für Demokratie auf. "Vor 79 Jahren begann der 2. Weltkrieg. Deutschland brachte unvorstellbares Leid über Europa", schrieb der SPD-Politiker bei Twitter. "Wenn heute wieder Menschen mit Hitlergruß durch die Straßen ziehen, bleibt unsere Geschichte Mahnung und Auftrag, entschlossen für Demokratie einzutreten."

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Die Polizei bringt Wasserwerfer in Stellung.
© dpa, Ralf Hirschberger, rhi wok

Vor knapp einer Woche war ein 35-jähriger Deutscher bei einer Messerattacke in Chemnitz getötet worden, zwei weitere wurden verletzt. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Nach der Tat versammelten sich spontan Demonstranten in der Stadt. Es kam zu ausländerfeindlichen Attacken und der Hitlergruß wurde gezeigt.

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) hält Ausschreitungen wie in Chemnitz auch in anderen Städten für möglich. Rechtsextreme aus ganz Deutschland seien extra dafür angereist, sagte sie. Die Rechten seien extrem gut vernetzt. Solche Proteste seien in jeder Stadt denkbar, in der es ähnlich brutale Vorfälle gebe.

Wer auf einer Demo unterwegs sei, "wo die Leute rechtsradikale Sprüche brüllen, Menschen angreifen und den Hitlergruß zeigen, der kann sich nicht mehr verstecken und sagen: 'Ich bin ja nur ein besorgter Bürger'. Dann ist man Teil eines rechtsradikalen Mobs", sagte Justizministerin Katarina Barley dem Südwestrundfunk.


Quelle: DPA, RTL.de