Wird der FC Barcelona unterschätzt?

FC Bayern und die Krux mit der Favoritenrolle

14. August 2020 - 12:54 Uhr

Von Tobias Knoop

In das K.o.-Duell im Viertelfinale der Champions League am Freitag gegen den FC Barcelona geht der FC Bayern München laut Ansicht nahezu aller Experten als haushoher Favorit (ab 21 Uhr im RTL-Liveticker). Womöglich unterschätzen aber viele, wie gut Barca immer noch sein kann.

Lothar Matthäus kritisiert Barca

ARCHIV - 15.09.2018, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Fußball: Bundesliga, Borussia Mönchengladbach - FC Schalke 04, 3. Spieltag im Stadion im Borussia-Park. Rekord-Nationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus steht am Spielfeldrand.  (zu dpa
Lothar Matthäus zerpflückte den FC Barcelona mit seine Aussagen regelrecht.
© dpa, Federico Gambarini, HPL hak lop kde nic

Dass Lothar Matthäus mit seiner Meinung nicht gerne hinterm Berg hält, ist bekannt. Für "Bild" tippte der deutsche Rekord-Nationalspieler und frühere Bayern-Star in dieser Woche das Final-Turnier der Champions League. Spiel für Spiel, eine kurze Einschätzung und natürlich das Ergebnis.

Zur Partie des FC Bayern gegen den FC Barcelona äußerte Matthäus eine klare Prognose. Barca sei "nicht mehr das Barca von früher" und mache ihm "keine Angst", so Matthäus. Auch Lionel Messi werde den Katalanen auf neutralem Platz in Lissabon "nicht reichen". Einen klaren 3:1-Sieg für den deutschen Rekordmeister gegen den 26-maligen spanischen Titelträger sagte Matthäus voraus. In Barcelona werden solche Einschätzungen durchaus registriert. Barcas Hausblatt, die Sport-Tageszeitung "Mundo Deportivo", jubilierte, Aussagen wie die von Matthäus ersparten Trainer Quique Setién die Motivationsansprache vor der Partie.

FC Bayern vs. FC Barcelona: "Bayerische Provokationen"

Dass Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge Manuel Neuer als "Weltklasse-Torwart" bezeichnete und Barcelonas Marc-André ter Stegen lediglich "auf dem Weg dorthin" sieht sowie ein Zitat Thomas Müllers ("Wir stürmen aktuell gefühlt von Rekord zu Rekord, das kommt nicht von ungefähr") bewertete das Blatt ebenfalls als "bayerische Provokationen".

Doch unter dem Strich ist auch der Tenor in den spanischen Medien eindeutig und gleicht der Meinung von Matthäus: Barca ist Außenseiter, der FC Bayern haushoher Favorit - im Stile eines "echten Mount Everest", wie es "El Periódico" äußerst bildhaft auf den Punkt brachte.

Aber ist Barca wirklich so schwach, wie es im Vorlauf des Corona-bedingt nur in einer Partie ausgespielten Viertelfinal-Krachers scheint? Auf den ersten Blick lautet die Antwort: ja. Im Titel-Duell mit einem keineswegs übermächtigen Real Madrid reichte es in La Liga für Messi und Co. nur zu Platz zwei. Fünf Punkte trennten die beiden Erzrivalen am Ende, eine relativ deutliche Angelegenheit also.

FC Barcelona: Gruppensieger vor BVB und Co.

Lionel Messi
Auch mit seinen mittlerweile 33 Lenzen ist Lionel Messi immer noch der "Unterschiedsspieler" von Barca
© dpa, Joan Monfort, kno

International bekleckerten sich Setiéns Schützlinge ebenfalls nicht gerade mit Ruhm. In der Vorrunde gegen Borussia Dortmund, Inter Mailand und Slavia Prag reichten überschaubare Leistungen zum Gruppensieg. Das Achtelfinalduell mit Italiens Tabellensiebten SSC Neapel entschied Barca nach einem mageren 1:1 im Hinspiel vor der Corona-Pause erst im Rückspiel.

Zwar sah das 3:1 im heimischen Camp Nou am Ende wie ein klares Ergebnis aus. Hätte Neapels Dries Mertens in der zweiten Spielminute beim Stand von 0:0 aber ins Tor statt an den Pfosten getroffen oder die Gäste aus ihrer drückenden Überlegenheit in der Schlussphase mehr gemacht, hätte die Partie einen ganz anderen Verlauf nehmen können.

Was spricht nun also vor dem Bayern-Spiel noch für Barca? Nun, nach wie vor einiges. In erster Linie natürlich Lionel Messi. Gegen Neapel erzielte der Argentinier selbst einen Treffer, als er sich in typischer Messi-Manier unnachahmlich durch die gesamte Abwehr der Italiener trickste und wühlte. Zudem holte er den Elfmeter heraus, den Luis Suárez zum dritten Barca-Treffer verwandelte. Messi sei die "Sicherheit in Zeiten der Ungewissheit" seines Teams, kommentierte "El País" nach der Partie. Dass "La Pulga" (57 Torbeteiligungen in 43 Pflichtspielen 2019/2020) trotz einer leicht lädierten Wade gegen die Bayern wohl spielen kann, ließ ganz Katalonien aufatmen.

FC Barcelona: Marc-André ter Stegen, der "Torwart-Messi"

Aber auch Marc-André ter Stegen, Barcas "Torwart-Messi", gehört zu den großen Stützen des Teams. Der Ex-Gladbacher legt hinter einer nicht immer sattelfesten Abwehr erneut eine bärenstarke Spielzeit hin. Der Lohn: Die Barca-Fans wählten ihn in einer "Marca"-Umfrage noch vor Messi zum Spieler der Saison. Die Meinung, dass ter Stegen nicht längst in der Weltklasse angekommen ist, hat Rummenigge ohnehin relativ exklusiv.

Doch auch zwischen den beiden aktuell besten Spielern, ter Stegen ganz hinten und Messi ganz vorne, tummelt sich noch der ein oder andere Hochkaräter im Team Barcas.

Frenkie de Jong beispielsweise, der nicht erst seit einem Wechsel von Ajax Amsterdam nach Barcelona im vergangenen Sommer als eines der größten Mittelfeldtalente Europas gilt. Zwar konnte der 23-jährige Niederländer in seiner ersten Saison auf der großen Bühne seine Ablösesumme in Höhe von 75 Millionen Euro noch nicht endgültig rechtfertigen. Doch gegen Neapel überzeugte de Jong.

Zwei "Alte" kommen zurück ins Team

Sergio Busquets
Er weiß genau, wie man Bayern schlägt: Mittelfeld-Stratege Sergio Busquets.
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Auch die Rückkehr von Mittelfeld-Koryphäe Sergio Busquets und "Krieger" Arturo Vidal, beide gegen Neapel gesperrt, macht Barca Hoffnung. Insbesondere der Ex-Münchner Vidal dürfte in Setiéns Plänen für das Bayern-Spiel mit seiner Wucht und Zweikampfhärte eine entscheidende Rolle spielen.

Von den Meinungen der Experten sollte sich der FC Bayern jedenfalls nicht einlullen lassen. Sonst könnte es im "absoluten Highlight" (O-Ton Matthäus) gegen Barca trotz der Favoritenrolle ein böses Erwachen geben.

Quelle: sport.de