Castor-Transport rollt durch Deutschland

10. Februar 2016 - 11:24 Uhr

Polizei fährt hartes Geschütz auf

Der Castor-Transport ist in Deutschland angekommen. Der Zug mit hoch radioaktivem Atommüll aus Frankreich passierte nach Angaben der Polizei zwischen Forbach und Saarbrücken die französisch-deutsche Grenze. Er ist mit elf Spezialbehältern auf dem Weg nach Gorleben in Niedersachsen. In Neunkirchen machte der Zug eine weitere Pause. Dort haben Polizisten Castor-Gegner von den Gleisen getragen und die Bewachung des Zuges ist von den französischen Polizeibeamten in deutsche Hand gegeben worden. Am Nachmittag fuhr der Zug weiter.

Letzter Castor-Transport
Auch in Neunkirchen mussten Polizisten Castor-Gegner von den Gleisen tragen.
© dpa, Uwe Anspach

In Speyer ist eine Kundgebung gegen den Transport geplant. Auch vor dem Eintreffen des Zuges im Wendland hat die Polizei den Einsatz von Wasserwerfern gegen Demonstranten verteidigt. "Straßenblockaden werden nicht mehr hingenommen", sagte der Sprecher der Bundespolizei, Fabian Hüppe. Derweil zündeten Castor-Gegner mit Molotowcocktails zwei Streifenwagen an. In den Orten Leitstade und Tollendorf hätten Straftäter je ein Fahrzeug in Brand gesetzt, teilte die Polizei mit.

Andere Demonstranten hätten versucht, Steine aus dem Gleisbett entlang der Castor-Schienenstrecke zu entfernen. Atomkraftgegner kündigten an, den Castor-Zug mit Blockaden aufhalten zu wollen. Verletzt wurde nach bisherigen Erkenntnissen niemand. Die Einsatzkräfte kündigten weiterhin ein konsequentes Einschreiten gegen gewaltbereite Demonstranten an. Polizeihubschrauber flogen mit Hubschraubern zu den Einsatzorten.

Bereits zuvor wurden im Wendland bei Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizei Wasserwerfer eingesetzt. Es gab mehrere Verletzte und Festnahmen. An einer Bundesstraße in Metzingen kam es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Polizei sprach von gut 800 Demonstranten, die Bürgerinitiative am Ort dagegen von rund 1.400. Es flogen Farbbeutel und Böller. Nach Angaben der Polizei mussten acht Beamte wegen Verletzungen durch Steinwürfe und Reizgas behandelt werden. Atomkraftgegner sprachen von 20 durch Pfefferspray verletzte Demonstranten, eine Frau habe Prellungen erlitten. Vier Castorgegner wurden laut Polizei festgenommen.

Eine Vielzahl der Demonstranten sei als gewaltbereit einzustufen, sagte Polizeisprecher Kai Richter. Deshalb will die Polizei beim Transport nach Gorleben konsequent gegen mögliche Straftäter vorgehen. Lüneburgs Polizeipräsident Friedrich Niehörster kündigte an, die Einsatzkräfte würden keine Straftaten wie etwa das Schottern der Gleise dulden - dabei holen Atomkraftgegner Steine aus dem Gleisbett, um den Zug so aufzuhalten. "Die Polizei wird sich beherzt dagegen stemmen", sagte Niehörster.

Zuvor waren erste Kundgebungen mit bis zu 2.000 Teilnehmern ruhig verlaufen. Anti-Atom-Gruppen kündigten für die kommenden Tage Blockaden des Castor-Zugs an. Welche Route der Transport nimmt, wird offiziell geheim gehalten. Rund 19.000 Polizisten sollen die Fahrt quer durch Deutschland nach Niedersachsen sichern.

In Nordhessen haben Unbekannte einen Brandanschlag auf Signalanlagen der Bahn verübt. Nach Angaben eines Sprechers der Bundespolizei wurde bei Vellmar ein Brandsatz in einen Kabelschacht geworfen. Die Flammen beschädigten Leitungen, die für die Steuerung von Signalen und Weichen zuständig sind. Auf die Frage, ob der Anschlag mit dem erwarteten Atomtransport zusammenhängt, sagte der Sprecher, er könne dies nicht bestätigen - "aber wir prüfen es sehr ernsthaft". Hessen gilt als möglicher Teil der Transportroute. Nach Angaben der Bahn sorgt der Brand für Behinderungen im Bahnverkehr.

Grüner Kretschmann zieht Unmut der Atomgegner auf sich

Die Anti-Atom-Initiativen werden auch von prominenten Künstlern unterstützt: Der Nobelpreisträger Günter Grass unterzeichnete gemeinsam mit Schauspielern einen Aufruf, in dem sie ein mögliches Atomendlager im Salzstock Gorleben nahe des oberirdischen Zwischenlagers ablehnen.

Kritik der Atomkraftgegner zog der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, auf sich. Er sagte der 'Zeit': "Protest macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr. Beschlossen ist: Deutschland steigt aus der Atomkraft aus." Die Bürgerinitiative in Gorleben reagierte auf diese Aussage mit Unverständnis. Die Bundesspitze der Grünen will den Castor-Protest aber unterstützen und am Montag zu einer Sitzung im Wendland zusammenkommen.

Erste Ausschreitungen zwischen Atomkraftgegnern und Einsatzkräften hatte es beim Start des Transports in Frankreich gegeben. Die Polizei setzte unter anderem Tränengas und Schlagstöcke ein. 16 Demonstranten wurden festgenommen. Mindestens drei Menschen, darunter ein Gendarm, wurden leicht verletzt.

In der Region nahe Gorleben blieb es bislang friedlich, sagte eine Polizeisprecherin. Die Kampagne 'Schottern' kündigte an, sie wolle wieder Steine aus den Gleisen entfernen und so den Zug aufhalten. Im vergangenen Jahr war die Polizei dabei mit Schlagstöcken gegen Atomkraftgegner vorgegangen.

Der laufende Transport ist der letzte mit hoch radioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich Richtung Gorleben. Bundesregierung und Energieversorger hatten sich bereits vor Jahren darauf verständigt, vom 1. Juli 2005 an keine abgebrannten Brennelemente wieder aufarbeiten zu lassen. Die Bundesrepublik ist jedoch verpflichtet, den bereits früher ins Ausland transportierten Atommüll zurückzunehmen.