Flüchtlinge haben in Flammen-Hölle von Lesbos alles verloren

Camp Moria nach dem Inferno - was wird jetzt aus den 12.000 Menschen?

10. September 2020 - 20:52 Uhr

Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos: "Konnten Massenflucht von Menschen beobachten"

Mehrere Brände haben in der Nacht zu Mittwoch im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos gewütet – und das Camp fast vollständig zerstört. Mittlerweile ist das Feuer nach Angaben griechischer Behörden unter Kontrolle. Doch Helfer vor Ort bestätigen die Bilder des Schreckens. "Alles stand in Flammen und wir konnten eine Massenflucht von Menschen beobachten, die ziel- und hilflos diese brennende Hölle zu verlassen versuchten", erklärte Marco Sandrone, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos. Kinder seien verängstigt, Eltern im Schockzustand.

Menschen schlafen auf dem nackten Asphalt

"Auslandsreport"-Chefin Nadja Kriewald berichtet, dass auf Lesbos nun Tausende Menschen auf der Straße sitzen. Die Menschen säßen am Straßenrand und hätten nichts außer dünnen Decken und ein bisschen Wasser. "Das sind vor allem Familien mit kleinen Kindern", so die Reporterin. Sie habe mit vielen Müttern gesprochen, die völlig verzweifelt seinen.

"Die meisten Flüchtlinge im Lager sind Flüchtlinge aus Afghanistan, die vor Terror geflohen sind", erklärt Nadja Kriewald. "Wenn hier jetzt nicht Zelte ankommen, wenn den Menschen jetzt kein neuer Platz zugewiesen wird, dann wird das hier katastrophal werden", erklärt sie. Denn für die nächsten Tage ist Regen angesagt.

Unter den Camp-Bewohnern sind auch einige, die mit Corona infiziert sind. Wenn die Menschen nicht schnell wieder in geordneten Verhältnissen untergebracht werden können, besteht die Gefahr, dass sich das Virus unkontrolliert verbreiten kann. "Wir sind hier mitten im reichen Europa. Und es ist nicht möglich, diese 12.000 Menschen zu versorgen?", meint Nadja Kriewald. Aus ihrer Sicht ist die Situation eine "Katastrophe mit Ansage". 

10.09.2020, Griechenland, Lesbos: Ein Junge spielt neben einem Fahrzeug vor dem Geflüchtetenlager Moria, nachdem mehrere Brände das Lager fast vollständig zerstört haben. Mehr als 24 Stunden nach Ausbruch der Feuer gab es immer noch keine offiziellen
Brand in Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
© dpa, Petros Giannakouris, mka

„Man spürt sehr die Verzweiflung der Menschen"

Im Lager sei erneut Feuer ausgebrochen, berichtet die Krankenschwester Christine Schmitz im RTL-LIVE-Stream. Sie arbeitet für die Organisation "Medical Voluteers" vor Ort und hat das Feuerdrama hautnah miterlebt. Überall würden Menschen umherirren, teils seien sie zu einem anderen Lager auf Lesbos gezogen. "Man spürt sehr die Verzweiflung der Menschen, die alles verloren haben", erklärt Schmitz. Sie und andere Helfer würden nun versuchen, die verstreuten Flüchtlinge zu versorgen. Tagsüber sei es sehr heiß, daher bräuchten die Menschen viel Wasser, erklärt die Krankenschwester.

Christine Schmitz hofft, das andere Länder den Menschen aus dem Camp jetzt helfen. "Ich bin hundertprozentig sicher, dass Deutschland das alleine schaffen würde", glaubt sie. "Jetzt ist es an der Zeit, dass Politiker Zivilcourage zeigen und nicht auf andere warten", meint die Krankenschwester.

Im Video: Feuer zerstört Wohnanlagen im Camp Moria

Zwei Offiziere der Feuerwehr auf Lesbos erklärten am Mittwochvormittag im griechischen Staatsfernsehen (ERT), das Lager sei bei den Bränden fast vollständig zerstört worden. ERT, das mit einer Sondererlaubnis aus dem Lager berichten durfte, zeigte Bilder von verkohlten Containerwohnungen und verbrannten Zelten rund um das Camp.

Der griechische Innenminister sowie die Verantwortlichen des Corona-Krisenstabes wollten sich ein Bild von der Lage vor Ort machen und am Abend bekanntgeben, wie es weitergehen solle, teilte Regierungssprecher Stelios Petsas mit.

Moria brennt: Pro Asyl sieht Bundesregierung und EU in Verantwortung

09.09.2020, Griechenland, Lesbos: Rauch steigt aus Container-Häuser und Zelten im Flüchtlingslager Moria auf der nordöstlichen Ägäisinsel Lesbos (Luftaufnahme mit einer Drohne). Ein Feuer fegte durch Griechenlands größtes Flüchtlingslager, das wegen
Brand in Flüchtlingslager Moria auf Lesbos: Luftaufnahmen vom Mittwochmorgen
© dpa, Panagiotis Balaskas, TS alf

Man vermute organisierte Brandstiftung, so Petsas weiter. Vor Beginn der Brände hatten bereits am Dienstagabend Unruhen im Lager ihren Lauf genommen, nachdem bekannt geworden war, dass es mittlerweile mindestens 35 Corona-Fälle im Lager gibt. Moria war deshalb abgeriegelt und bis zum 15. September unter Quarantäne gestellt worden. Der Regierungssprecher bestätigte, dass Migranten versucht hätten, die Feuerwehr an den Löscharbeiten zu hindern. Nach Ausbruch des Feuers hätten Lagerbewohner die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Verletzte oder gar Tote gab es den Berichten zufolge Stand Mittwochmorgen nicht.

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl hat Bundesregierung und EU für den Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria verantwortlich gemacht. "Die Katastrophe von Moria ist eine Folge der skandalösen und menschenverachtenden deutschen und europäischen Politik", sagte Geschäftsführer Günter Burkhardt am Mittwoch in Berlin.