Diskussion über geschäftsmäßige Sterbehilfe

Alfred Schnurre (92): "Jeder sollte über sein Leben selbst entscheiden"

26. Februar 2020 - 17:03 Uhr

Alfred Schnurre (92) findet das Urteil richtig, mahnt aber trotzdem

Alfred Schnurre ist 92 Jahre alt und lebt in einem Hospitz in Dessau. Er ist dort hingekommen, um zu sterben. Wie viel Zeit ihm noch bleibt, weiß er nicht. Doch in einer Sache ist er sich sicher: "Jeder sollte über sein Leben selbst entscheiden, der Gesetzgeber sollte sich da nicht einmischen", sagt er. Dehalb findet es Alfred Schnurre auch richtig, dass die geschäftsmäßige Sterbehilfe gegen das Grundgesetz verstößt.

Das hat das Bundesverfassungsgericht nämlich heute entschieden: "Ich finde es gut, dass wir uns von diesem generellen Verbot distanzieren", sagt Schnurre. Aber zu einfach sollte einem diese Entscheidung nicht fallen, mahnt Schnurre. Der 92-Jährige ist das beste Beispiel dafür, dass man sich auch im hohen Alter aus einer Lebenskrise kämpfen kann. Deshalb denkt er im Moment auch nicht darüber nach, sein Leben durch die Hilfe anderer zu beenden. "Ich war Willens an der Stelle, meinem Leben ein Ende zu machen. Durch den Tod meiner Frau und allen Dingen, die mein Leben lebenswert machten, aber solche Wunden können auch heilen."

Seit 2015 war geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland verboten

Gibt es ein Recht auf Sterbehilfe?
Gibt es ein Recht auf Sterbehilfe?
© dpa, Rainer Jensen

Das BVG erklärte Paragraf 217 im Strafgesetzbuch nach Klagen von schwerkranken Menschen, Sterbehelfern und Ärzten für nichtig. Der Paragraf 217 steht seit 2015 im Strafgesetzbuch. Seitdem ist ein fachgerecht begleiteter Suizid in Deutschland so gut wie unmöglich geworden. Wer dagegen verstößt, kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Die Politik wollte damit verhindern, dass Suizidhilfe-Vereine wie "Sterbehilfe Deutschland" oder "Dignitas" aus der Schweiz ihre Angebote ausweiten.

Es dürfe nicht so weit kommen, dass die Suizidhilfe als normale Behandlungsoption erscheine, heißt es in dem Gesetz. Das könnte Alten und Kranken, die niemandem zur Last fallen wollen, ein fatales Signal senden. Also steht heute im Strafgesetzbuch: "Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Nur Angehörige und "Nahestehende" sind durch den Paragrafen straffrei gestellt.

Ist Sterbehilfe mit dem Grundgesetz vereinbar?

Doch vor allem Ärzte kritisieren das Gesetz. Für sie ist besonders die Formulierung "geschäftsmäßig" problematisch. Es bedeutet nämlich rein juristisch nicht, dass Geld im Spiel sein muss, sondern so viel wie "auf Wiederholung angelegt". Palliativmediziner haben darum Angst, sich strafbar zu machen, wenn sie Schwerstkranken Opiate zur Linderung in potenziell tödlichen Dosen mit nach Hause geben oder wenn sie Menschen begleiten, die nichts mehr essen und trinken wollen.

Darum hatten totkranke Menschen und Sterbehelfer in Karlsruhe gegen den Paragrafen 217 geklagt. Sie sind der Ansicht, dass Sterbehilfe in bestimmten Fällen moralisch geboten und mit dem Grundgesetz vereinbar ist.