Obdachlose warten sehnsüchtig auf "Schutzengel"

Bürgerwehr hilft New Yorkern in der Krise

15. Mai 2020 - 13:31 Uhr

Daniela Hoffmann, RTL-Reporterin in New York

Die Straßenschlucht am Madison Square Garden in New York City ist menschenleer, nur vereinzelt fahren Autos die breite 8th Avenue entlang. Vor dem U-Bahneingang sind einige Obdachlose. Als einer von ihnen einen Mann in roter Jacke und Mütze sieht, fragt er: "Hey, wann gebt ihr Essen aus?" "Wir kommen gleich zu euch", erwidert der. Er ist Curtis Sliwa, Leiter der "Guardian Angels", zu Deutsch "Schutzengel": eine Bürgerwehr, die auf New Yorks Straßen patrouilliert und Straftaten verhindert – aber auch den Bedürftigen in der Corona-Krise hilft. Unser Video zeigt die Arbeit der freiwilligen Helfer.

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"Guardian Angels" bringen Obdachlosen Sandwiches und Wasser

Kurz darauf scharen sich mehrere Männer in roter Uniform um ein Auto. Einkaufstaschen gefüllt mit Lebensmitteln werden verteilt und von einer Gruppe in die U-Bahnstation getragen. Die Obdachlosen dort warten schon sehnsüchtig auf die Sandwiches, Snacks und Wasser, das ausgegeben wird. Für viele von ihnen ist es die einzige Mahlzeit, die sie heute kriegen. Denn viele staatliche Einrichtungen haben wegen der Corona-Krise geschlossen; Unterkünfte für die Obdachlosen sind knapp, Essen auch. Die meisten verdienen in der menschenleeren Stadt auch durch Betteln nichts mehr. Immer wieder kommt es dadurch zu Konflikten unter ihnen, vor allem die psychisch kranken Obdachlosen werden schnell aggressiv.

120 Prozent mehr Überfälle auf Einzelhandelsläden in der Corona-Krise

Daniela Hoffmann und Curtis Sliwa
Interview in Zeiten von Corona - mit Mundschutz und dem gebotenen Abstand: RTL-Reporterin Daniela Hoffmann im Gespräch mit "Guardian Angels"-Chef Curtis Sliwa.
© RTL

Curtis Sliwa ist der Leiter der Bürgerwehr-Truppe. "Die Mission der Guardian Angels ist es, zu jeder Zeit, Menschen zu schützen, Straftaten zu verhindern", sagt der 66-Jährige. Jeden Tag werden mehrere Einsatzgruppen an Brennpunkten der Stadt eingesetzt. Während eine Gruppe sich um die Obdachlosen in den U-Bahnstationen kümmert, soll heute eine weitere im Stadtteil Bronx auf Streife gehen. Denn seit der Corona-Krise ist die Zahl der Einbrüche und Überfälle auf Einzelhandelsläden um 120 Prozent gestiegen.

Curtis erklärt seinen Mitarbeitern, worauf sie bei ihrem Streifgang besonders achten sollen: "Stellt sicher, dass keine Gruppen junger Leute in den Laden kommen, denn von nun an müssen sie eine Maske tragen. Sie fühlen sich dadurch sicher, rennen durch die Gänge und klauen alles, was sie können; Zigaretten, alles, was auf den Straßen verkauft werden kann, was für sie schnelles Geld wäre. Macht euch Notizen, damit ihr mir später Bericht erstatten könnt", sagt Curtis.

Reiche New Yorker engagieren aus Angst vor Überfällen eine bewaffnete Security. Aber das kann sich eben nur ein Bruchteil der New Yorker leisten.

Bürgerwehr kämpft in New York City schon seit 1978 gegen das Verbrechen

Seit Jahrzehnten kämpft der 66-Jährige gegen das Verbrechen in New York. 1978 gründete Curtis die Guardian Angels – zu einer Zeit, als in New York City noch der Drogenkrieg tobte. Damals waren Überfälle an der Tagesordnung; vor allem die U-Bahn ist ein gefährlicher Ort. Zusammen mit einer Gruppe Freunde beginnt Curtis, in der U-Bahn zu patrouillieren. Dabei tragen sie keine Waffen – aber sie alle sind Streetfighter und wissen, wie sie sich verteidigen können.

Seine Aktion hat Erfolg; die U-Bahnen werden sicherer und die Guardian Angels sogar von lokalen Gangs respektiert. Mit der Zeit gewinnt die Organisation immer mehr ehrenamtliche Mitglieder; heutzutage sind die "Engel" mit 5.000 Mitgliedern in 13 Ländern und 130 Städten weltweit vertreten und finanzieren sich durch Spenden.

Maskenpflicht macht's den Dieben leichter

Wie damals zur Zeit der Drogenkriege, befindet sich New York auch jetzt in einer Ausnahmesituation. Durch die Corona-Krise und die Ausgangsbeschränkung wirkt die Stadt wie ausgestorben. Viele Geschäfte sind verbarrikadiert, nur "lebensnotwenige" Läden offen. In den sozialschwachen Gegenden New Yorks sind das die Mini-Supermärkte an der Straßenecke. Doch gerade die werden jetzt häufig überfallen; die Einbruchsrate ist dreimal so hoch wie sonst. "Im Moment muss jeder eine Maske tragen. Der Dieb kann also eine Pistole auf dich richten und dir sagen: "entweder Geld oder dein Leben". Und dann winken sie sogar noch der Kamera zu! Man kann sie nicht identifizieren, da sie eine Maske tragen. Das ist wirklich ein Problem", sagt Curtis Sliwa im RTL-Interview.

Das Gesetz der Straße

Daniela Hoffmann und Curtis Sliwa (Guardian Angels) in New York
Curtis Sliwa (66), Leiter der Bürgerwehr-Truppe "Guardian Angels", kämpft seit Jahrzehnten gegen das Verbrechen in New York.
© RTL

Fast alle Guardian Angels sprechen Spanisch. Das ist von großem Vorteil, da in den sozialschwachen Gegenden wie der Bronx oder Washington Heights viele Migranten leben. Curtis Sliwa erklärt: "Hier leben so viele Menschen auf engem Raum zusammen, acht bis zehn Personen in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Die jungen Leute gehen nicht mehr zur Schule, hängen den ganzen Tag nur rum; es gibt viele Drogenhändler und Banden. Manche von ihnen überfallen die Läden am helllichten Tag, klauen die Kasse, und keiner traut sich, was zu sagen. Denn das Gesetz der Straße ist: "Verräter sind Miststücke und landen im Graben."

Was bedeutet: Viele Ladenbesitzer haben Angst. Sagen nach einem Überfall lieber nichts, damit sie nicht von einer Bande aus Rache umgebracht werden. Daher patrouillieren die Guardian Angels diese Wohngegenden regelmäßig, versuchen so der Kriminalität vorzubeugen. Mit ihren roten Jacken und Mützen fallen sie auf, man kennt sie hier. Die Guardian Angels hängen Flugblätter auf, unterhalten sich mit den Ladenbesitzern und Anwohnern. Und falls notwendig, nehmen sie auch jemanden fest, bis die Polizei kommt. So konnten seit Januar schon 53 Straftäter der Polizei übergeben werden.

Oberster "Engel" hofft auf Normalität

Curtis Sliwa hofft, dass bald wieder Normalität in der Stadt einkehrt. In einer bekannten Radioshow diskutiert er die täglichen Geschehnisse in New York und plant, im Jahr 2021 für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Bis dahin wird er auch weiterhin mit seinen Guardian Angels New York City ein bisschen sicherer machen.