Wucher-Angebote bei Amazon und Ebay

Brüder wollten durch Corona-Krise reich werden – jetzt ermittelt die Polizei

Colvin und sein Bruder Noah fuhren drei Tage lang durch Tennessee und Kentucky und gaben zwischen 10.000 und 15.000 US-Dollar für die Produkte aus.
© New York Times

18. März 2020 - 9:06 Uhr

Morddrohungen gegen Wucher-Verkäufer

Als es in den den USA den ersten Corona-Toten gab, witterten Matt und sein Bruder Noah Colvin ein fettes Geschäft. Sie bestellten online palettenweise Handdesinfektionsmittel und antiseptische Tücher, kauften Supermärkte in Tennessee leer, um die Produkte später mit großzügigen Aufschlägen weiterzuverkaufen. Doch der Plan scheiterte grandios, die Polizei ermittelt.

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Tausende Verkäufer profitieren von der Angst der Menschen

Während Krankenhäuser und private Haushalte händeringend nach Desinfektionsmitteln suchen, um sich vor einer Ansteckung mit Covid-19 zu schützen, horten Matt und Noah aus Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee 17.700 Flaschen – und sie haben keinen Schimmer, wie sie das Zeug wieder loswerden sollen. Denn Amazon und Ebay haben auf Druck der Öffentlichkeit Händler gesperrt, die mit dem Virus Geschäfte gemacht haben.

Viele Millionen Produkte wie Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel wurden aus dem Verkauf genommen. So erging es auch Matt Colvin, der dort seit zehn Jahren vor allem Spielzeug für Haustiere und Nike-Schuhe angeboten hat. Doch als sich das Corona-Virus ausbreitete, hatte er kurzerhand auf Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken umgesattelt.

Das Geschäft mit der Angst begann laut "New York Times" mit dem Restposten eines insolventen Unternehmens aus der Gegend. Matt hatte erfahren, dass 2.000 sogenannte "Pandemie Pakete" zum Verkauf standen.

Inhalt: je 50 Atemschutzmasken, vier Flaschen Handdesinfektion und ein Fieberthermometer. Matt kaufte sie alle, handelte den Preis pro Stück von umgerechnet rund 4,50 Euro auf 3,10 Euro runter und hatte rasend schnell alle Pakete bei Ebay verkauft – für 35 oder 45 Euro pro Stück, manchmal mehr. Eine enorme Gewinnmarge.

Colvin-Brüder kauften Supermärkte leer

Doch die Geldgier war nicht gestillt, vielmehr hatten Matt und Noah Colvin Blut geleckt. Als am 1. März der erste Corona-Tote in den USA bestätigt wurde, machten sich die Brüder ans Werk. Auf der Jagd nach Desinfektionsmittel mietete Noah einen Truck, fuhr damit drei Tage lang und rund 2.000 Kilometer weit durch Tennessee und Kentucky und kaufte sämtliche Geschäfte auf seinem Weg leer, während sein Bruder daheim palettenweise im Internet bestellte. Am Ende hatten die beiden rund 17.700 Flaschen mit Handdesinfektion und antibakteriellen Tüchern zusammen.

Matt vertickte die ersten 300 Flaschen Handdesinfektion zu Preisen zwischen umgerechnet rund 7,16 Euro und 63 Euro bei Amazon – ein Vielfaches von dem, was er selbst dafür bezahlt hatte. Alles lief zunächst wie am Schnürchen. Doch schon am nächsten Tag schob die Onlineplattform dem Treiben einen Riegel vor. Colvins Angebote und Tausende weitere dieser Art wurden aus dem Programm geschmissen, Verkäufer gesperrt und verwarnt. Amazon drohte einigen sogar damit, ihre Accounts wegen Preiswucher ganz zu löschen. Ebay folgte dem Beispiel und verbot den Verkauf von Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln.

Matt: „Denke wirklich, dass das ein Dienst an der Allgemeinheit ist“

"Das war wie ein Schlag ins Gesicht", sagte Matt Colvin der "New York Times". Er habe seine Chance gesehen, seine Familie finanziell gut zu stellen. Nun frage er sich: "Was zum Teufel soll ich mit dem ganzen Zeug tun?" Einsicht oder Skrupel? Fehlanzeige. "Ich denke wirklich, dass das ein Dienst an der Allgemeinheit ist", zeigt sich Matt überzeugt. "Ich werde für meinen Dienst bezahlt."

Für ihn scheint das alles nur ein lukratives Geschäftsmodell gewesen zu sein. Als er von Journalisten gefragt wird, ob er sich schlecht fühle, weil er Profit daraus geschlagen hat, Produkte zu verkaufen, die die Ausbreitung eines potentiell tödlichen Virus' verhindern, konterte Colvin, er habe lediglich die Ineffizienz des Marktes korrigiert.

Nachts klopfte ein Mann an Colvins Tür...

Die "New York Times" veröffentlichte einen ausführlichen Artikel über die Colvin-Brüder, mit Klarnamen und Bildern. Die ersten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten – und wütende Kommentare im Netz gehörten da noch zu der eher harmloseren Sorte. Viele Menschen kontaktierten Colvin persönlich, schrieben ihm Hass-Mails und schickten Morddrohungen. Matts Adresse wurde öffentlich ins Netz gestellt, Pizzen in sein Haus bestellt. Ein Mann habe eines nachts sogar an seine Tür geklopft, so Colvin. Der geballte Hass habe ihm und seiner Familie Angst gemacht. "Es war nie meine Absicht, Menschen, die sie wirklich brauchen, wichtige medizinische Mittel vorzuenthalten." Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass die Geschäfte, die sie damals leer gekauft hatten, keinen Nachschub mehr bekommen würden.

Matt Colvin und sein Bruder haben die Desinfektionsprodukte inzwischen gespendet. Die Polizei von Tennessee hat die Ermittlungen gegen die Brüder aufgenommen. Der Internethändler Amazon, wo Matt seit zehn Jahren seinen Lebensunterhalt verdient, hat ihn als Verkäufer gesperrt. Amazon hatte außerdem nach eigenen Angaben auch auf weitere miese Geschäfte mit dem Corona-Virus reagiert und eine Million Produkte aus dem Sortiment genommen, die fälschlicherweise als Heil- oder Abwehrmittel gegen Corona verkauft wurden.