Aktionsbündnis macht sich für Opfer stark

Bruder wurde als Kind missbraucht - Stefanie Lachmann: "Unglaublich, dass solche Taten verjähren"

10. August 2020 - 14:04 Uhr

Prozess um Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach schafft Aufmerksamkeit

Große Missbrauchskomplexe wie Bergisch Gladbach lenken Aufmerksamkeit auf Fälle von sexuellem Missbrauch. Doch wie die Gesellschaft Opfern helfen kann, wie jeder bei der Aufklärung von Kindesmissbrauch helfen kann, das ist den wenigsten klar. Häufiger Grund dafür ist die Tabuisierung von Missbrauch. Stefanie Lachmann von Tour 41, einem Aktionsbündnis gegen sexuelle Gewalt will das ändern. Ihr Bruder wurde als Kind schwer sexuell missbraucht. Erst knapp 20 Jahre später erzählte er das seiner Familie – und riss diese aus einer bis dahin scheinbar heilen Welt. Im Video schildert Lachmann den Fall und die Arglosigkeit ihrer Familie.

"Unglaublich, dass solche Taten verjähren"

Die Mutter von vier Kindern erklärt im RTL-Interview, dass sie mit ihrem heutigen Wissen ganz anders reagiert hätte als sie vom Kindesmissbrauch, den ihr Bruder erlitten hatte, erfuhr. Ihr Bruder war als Neun- bis Elfjähriger in einer Pfadfindergruppe mehrfach von einem Betreuer missbraucht worden. Seine Familie ahnte davon nichts.

Erst Jahre später offenbarte er die Verbrechen, die er als Kind erlitten hatte, seinen engsten Angehörigen. Nur sechs Wochen später nahm sich der damals 29-Jährige im August 2007 das Leben. Der Täter hingegen musste keine rechtlichen Konsequenzen mehr fürchten. Als Stefanie Lachmanns Bruder erstmals über den Missbrauch sprach, konnte das Verbrechen nicht mehr bestraft werden. "Dass solche Taten verjähren, das finde ich unglaublich", sagt Lachmann. Auch rund um den Prozess zum Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach, der eigentlich am Montag beginnen sollte, macht sie mit Tour 21 gegen die Verjährungsfrist mobil.

„Ich finde, Täter dürfen sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein“

Im Aktionsbündnis gegen sexuelle Gewalt Tour 41 macht sie sich jetzt für die Enttabuisierung von sexuellem Missbrauch stark. Eines der zentralen Ziele von Tour 41 ist auch die Abschaffung der Verjährungsfrist bei Missbrauchsfällen. "Ich finde, Täter dürfen sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein", erklärt die 49-Jährige. "Wenn man die Information bekommt, dass die Taten verjährt seien, ist man sehr verzweifelt und fühlt sich hilflos."

Täter nutzten gezielt aus, dass Kinder sich Anerkennung von Erwachsenen wünschen, beschreibt Lachmann. "Der Täter war eine sehr charismatische Person, der war super nett. Man hätte diesen Hintergrund einfach nicht vermutet", sagt sie über den Missbrauch ihres Bruders. Natürlich machten sie und ihre Mutter sich große Vorwürfe. "Wir haben uns gefragt, warum er nichts gesagt und wir nichts gemerkt haben." Man müsse gesellschaftlich zum Hinhören und Hinsehen motivieren, erklärt Lachmann. Mit dem Aktionsbündnis Tour 41 will sie dazu beitragen.

Hilfe bei Selbstmordgedanken

Wenn Sie Selbstmord-Gedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erreichen Sie Menschen, die Ihnen die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können