Das Brexit-Theater spaltet sogar Familien

Briten wollen über alles reden - "but please, please not about Brexit"

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20. August 2019 - 18:52 Uhr

Von Uli Klose

Acht Jahre habe ich in London gelebt. Nun kehre ich für ein paar Tage zurück, besuche meine damaligen Mitbewohner. Sarah arbeitet beim Fernsehen, Ehemann Peter ist Banker. Nach herzlicher Begrüßung bitten sie mich noch an der Haustür: "Let´s talk about football, the Royals or even Robbie Williams - but please, please not about Brexit. We´re tired!" Die Briten sind müde, haben´s einfach satt.

„Das muss doch endlich mal vorbei sein"

05.08.2019, Großbritannien, Boston: Boris Johnson, Premierminister von Großbrittanien, inspiziert einen Krankenwagen während eines Besuchs im Pilgrim Hospital. Er hat angekündigt zusätzliche 1,8 Milliarden Pfund in den nationalen Gesundheitsdienst (N
Briten-Premierminister Boris Johnson
© dpa, Darren Staples

Nach dem Referendum nun schon drei Jahre politisches Gezerre, gescheiterte Abstimmungen, schmerzvolle Demütigungen - und immer noch keine Lösung in Sicht. Die Stimmung auf der Insel - rauf und runter, wie die Wellen im Ärmelkanal. Mal hoffen, mal nervös - und immer häufiger der Stoßseufzer: "Das muss doch endlich mal vorbei sein."

Die britische Gesellschaft ist inzwischen so tief gespalten wie nie zuvor. Der Brexit-Keil bringt sogar Familien auseinander. Viele Briten glauben, dass Europafeind Boris Johnson, Spitzname "BoJo", den EU-Austritt fürs Vereinigte Königreich doch noch zu einem aus ihrer Sicht angemessenen Ende bringt - "Vielleicht sogar besser ohne Abkommen." Schließlich war man ja mal Großmacht und will sich nun vom vergleichsweise "kleinen Europa" nicht alles diktieren lassen.

Lähmende Ungewissheit

FILE PHOTO: A line of lorries is seen during a trial between disused Manston Airport and the Port of Dover of how road will cope in case of a "no-deal" Brexit, Kent, Britain January 7, 2019. REUTERS/Toby Melville/File Photo
Im Land des Linksverkehrs läuft derzeit vieles in die falsche Richtung.
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Andere, mehr weltoffene Briten, wie mein Freund Chris, sagen: "Ja, wir brauchen jetzt Durchsetzungsstärke in 10 Downing Street. Aber ausgerechnet Hardliner Johnson? Der treibt uns Ende Oktober in die Isolation oder bleibt vorher selbst noch auf der Strecke".

Im Land von Big Ben und Linksverkehr ist jetzt schon so manches nicht mehr richtig BIG und läuft in die falsche Richtung: Die Autoindustrie sackte ab und kriegt in diesen holprigen Zeiten die Kurve nicht. Große Unternehmen treten vorerst auf die Investitionsbremse und arbeiten nach der Unternehmensstrategie "Wait and see". Das geliebt-gelobte Pfund Sterling kriselt auf Zwei-Jahres-Tief und ist für britische Touristen im Ausland momentan eher ein Ärgernis. Es ist die Ungewissheit, die inzwischen so vieles lähmt.

Brexit-Gegner wollen die Queen nach Brüssel schicken

The Oxford Arms
The Oxford Arms, Pub in London
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In einigen Restaurants und Pubs fehlt es unübersehbar an Service-Personal. In meiner Londoner Fußball-Stammkneipe, den "Oxford Arms" erzählt mir Wirt Andy: "Seit ihrem EU-Beitritt sind Tausende Polen nach England gekommen. Viele arbeiten in der Gastronomie und in der Landwirtschaft. Aus der quälenden Unsicherheit heraus, dass sie künftig vielleicht nicht weiter bleiben dürfen, sind viele bereits gegangen."

In ihrer Unzufriedenheit und Verzweiflung kommen Brexit-Gegner nun auf ganz bizarre Ideen. Die Krönung: Manche würden am liebsten "Her Majesty" zum Gipfel nach Brüssel schicken, um eine Verlängerung der Brexit-Frist über den 31.Oktober hinaus auszuhandeln.

Aber weil sich nach einem ungeschriebenen Gesetz die Royals aus der Politik rauszuhalten haben, ist es wahrscheinlicher, dass sich die Königin ab sofort ihren Fünf-Uhr-Tee selbst aufbrüht, als dass sie - womöglich auch noch mit Akten-, sorry Handtasche - und am besten im Eurostar - in die EU-Hauptstadt fährt... Auch wenn die Queen - Politik hin, Politik her - seinerzeit vorm Referendum ganz deutlich zu Europa "YES" gesagt hat.