Brief an Minister Müller: Verbraucher sollen faire Produkte kaufen? Machen Sie erst einmal faire Politik!

Gerd Müller appelliert an die Bürger, fair gehandelte Produkte zu kaufen. Geradezu zynisch findet das unser Autor Oliver Scheel.
Gerd Müller appelliert an die Bürger, fair gehandelte Produkte zu kaufen. Geradezu zynisch findet das unser Autor Oliver Scheel.
© DPA

28. Dezember 2016 - 15:45 Uhr

Ein Zwischenruf von Oliver Scheel

Sehr geehrter Herr Bundesentwicklungsminister Müller,                                                          

Sie fordern in einem Interview mit der 'Nürnberger Zeitung' die Verbraucher auf, beim Einkauf den fairen Handel zu unterstützen und nicht nur auf den niedrigsten Preis zu schauen.

"Viele von uns sind nicht bereit, einen fairen Preis zu bezahlen - deshalb müssen viele Kinder arbeiten, obwohl sie zur Schule gehen sollten. Das könnte jeder von uns ändern, indem er nachdenkt und nicht bei den billigsten Produkten zugreift, sondern auf das Fairtrade-Siegel achtet", werden Sie in der Zeitung zitiert.

Das hört sich natürlich nicht schlecht an, ein netter Appell an die Bürger, gerade in der Weihnachtszeit auch mal an die weniger privilegierten Bürger auf dieser Welt zu denken. Ich bin selbst im fairen Handel tätig und kenne aus vielen Reisen zu den Produzenten die Not dieser Menschen.

Was mich aber stört - und das scheint mir ein generelles Problem der Politik in unseren Tagen - ist, dass wieder einmal die Verantwortung auf die Bürger abgewälzt wird. SIE sind aber der Entwicklungsminister. Helfen SIE den Menschen in den Entwicklungsländern mit politischen Maßnahmen, die bei den Produzenten, den Kleinbauern auch wirklich ankommen und nicht irgendwo versickern. Es ist die Aufgabe der POLITIK, für einen fairen Handel, für ein gerechtes Miteinander auf diesem aus den Fugen geratenen Planeten zu sorgen. So lange die Industrienationen den Takt vorgeben, haben die Entwicklungsländer keine Chance. Chancengleichheit würde – das mal nebenbei bemerkt – auch die Fluchtursachen bekämpfen. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist geradezu zynisch, dass Sie - der Sie laut Bund der Steuerzahler im Monat mehr als 14.000 Euro Gehalt einstreichen - die Bürger auffordern, nicht die billige, sondern die fair gehandelte Schokolade zu kaufen. Wissen Sie, wie viele Menschen in Deutschland von ihrer Arbeit nicht mehr leben können? Wie viele zwei Jobs haben, damit sie ihre Kinder ernähren können? Wie soll man diesen Leuten zumuten, im Regal nach dem teuren Produkt zu greifen? Jeder 6. gilt in Deutschland als armutsgefährdet. Das ist das Ergebnis der neoliberalen Politik der letzten Jahrzehnte, für die auch Sie die Verantwortung tragen. So lange in Deutschland der Niedriglohnsektor immer weiter ausgebaut wird, so lange wird der faire Handel, so wichtig und richtig er auch ist, ein Nischendasein führen.

Immer weniger Menschen in unserem Land haben immer mehr Geld. Auch das ist ein Problem, das die Politik geschaffen hat, indem sie die Rahmenbedingungen für Reiche stets verbessert und Aufstiegsmöglichkeiten für weniger Privilegierte behindert.

Ich habe hier einmal mehr das Gefühl, dass die Politiker den Kontakt zu den Bürgern verloren haben. Jahrzehntelang sagten Ihnen die Wahlforscher, dass arme und weniger gebildete Menschen ohnehin nicht wählen gingen, daher brauche man auch keine Politik in deren Sinne machen. Nun aber gibt es die AfD, die es  - aus welchen Gründen auch immer – geschafft hat, diese Bürger wieder an die Urne zu bringen. Es ist daher höchste Zeit, die Armut in Deutschland UND der Welt zu bekämpfen.

Vielleicht ist das ein schöner Vorsatz für das Jahr 2017, in dem immerhin eine Bundestagswahl ansteht.

Herzliche Grüße

Oliver Scheel