Nach tödlichen Polizeischüssen in Bremen

Familie von Mohamed I. erhebt schwere Vorwürfe gegen die Beamten

27. Juni 2020 - 13:00 Uhr

Trauer an dem Ort, an dem ihr Vater starb

Der Schmerz ist groß. Auch wenn Aicha Meisel-Suhr kaum noch Kontakt zu ihrem Vater gehabt hat, ist sie entsetzt über dessen Tod. Mohamed I. ist durch zwei Schüsse von einem Polizisten in Bremen getötet worden. Das verstörende Video des Polizeieinsatzes verbreitete sich schnell im Netz und sorgte deutschlandweit für Aufsehen. Nun erhebt seine Familie schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Was sie den Beamten vorwerfen, berichten Tochter und Schwägerin unter Tränen im Video.

Wie kam es zu dem tödlichen Einsatz?

Als es am 18.06.2020 an der Tür von Mohamed I. klingelt, stehen zwei Mitarbeiter der Wohnungsbaugesellschaft vor der Tür, in Begleitung der Polizei. Sie wollen die Erdgeschosswohnung in Bremen Gröpelingen besichtigen, weil ihm fristlos gekündigt wurde. Immer wieder soll der Verstorbene durch Sachbeschädigungen in seiner Wohnung aufgefallen sein. Aufgrund seines Verhaltens und einer psychischen Erkrankung des 54-Jährigen baten die Mitarbeiter des Vermieters deshalb nach eigener Aussage die Beamten um Hilfe.

Warum eskalierte der Einsatz?

Die Wohnungsbesichtigung läuft ohne weitere Probleme ab. Allerdings soll Mohamed I. im Anschluss von den Beamten dem sozialpsychiatrischen Dienst vorgestellt werden. Weil er damit nicht einverstanden ist und sich weigert, mit den Beamten zusammen auf die Wache zu fahren, kommt es zu einer Auseinandersetzung. Als die Polizisten Verstärkung durch Zivilbeamte bekommen, eskaliert der Konflikt vor der Haustür. Mohamed hat ein Messer in der Hand und stürmt damit auf einen Polizisten los.

Hat die Polizei richtig gehandelt?

Mohameds Familie stellt sich die Frage, ob ein Mann ohne Migrationshintergrund in dieser Situation auch erschossen worden wäre und warum kein sozialpsychiatrischer Dienst vor Ort gewesen ist. Die Polizei äußert sich dazu aufgrund der laufenden Ermittlungen erstmal nicht. "Wir haben gegen zwei der am Einsatz beteiligten Polizeibeamten ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Totschlags eingeleitet und werden im Verlauf der Ermittlungen zu klären haben, ob der Schusswaffeneinsatz gerechtfertigt war oder nicht", sagt Frank Passade, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Bremen. Augenzeugen berichten jedoch, dass die Polizei sich korrekt verhalten hat: "Die Polizisten waren einfach gut, die waren lieb".

Die psychische Krankheit stand zwischen Vater und Tochter

An dem Ort zu sein, an dem ihr Vater erschossen wurde, fällt Aicha Meisel-Suhr (26) sichtlich schwer. Sie ringt mit den Tränen. Nachdem sich ihre Eltern trennten, brach der Kontakt zu ihrem Vater ab, auch weil er eine psychische Störung entwickelte. Bei den seltenen Treffen, die es zwischen den beiden noch gab, soll er sie teilweise sogar nicht einmal wiedererkannt haben, sagt sie. Mit den Jahren breitete sich die Krankheit immer weiter aus und der Kontakt brach ganz ab.

Was für eine Störung hatte Mohamed I.?

Mohamed I. soll in psychischer Behandlung gewesen sein, sagen seine Tochter und seine Schwägerin Nadia Rachchag. Sie sind sich aber nicht sicher, ob er dort regelmäßig erschienen ist. Welches spezielle Krankheitsbild er genau hatte, können sie nicht beantworten. Nur der Ex-Mann von Schwägerin Nadia Rachchag stand bis kurz vor dem tödlichen Polizeieinsatz noch in Kontakt mit Mohamed. Durch ihn bekam die Familie scheinbar mit, wie sich der Zustand des psychisch Kranken immer weiter verschlechterte.

Mohameds Eltern möchten ihren Sohn in der Heimat beerdigen

Mohamed I. war marokkanischer Staatsbürger, lebte aber mehr als 20 Jahre in Deutschland. Seine Eltern fordern nun, dass sein Leichnam nach Marokko transportiert werden soll. Aufgrund der Corona-Einschränkungen ist das momentan aber nicht möglich. Eine Beerdigung in seinem Heimatland könnte schwierig werden.

Mohamed bekommt einen eigenen Twitterkanal

Um auf den Tod, die Geschichte und die eigene Sicht der Dinge aufmerksam zu machen, hat die Familie nun einen Twitter-Account eingerichtet. "Justice for Mohamed" heißt er und soll wohl auf den in den U.S.A von der Polizei brutal ermordeten Afro-Amerikaner George Floyd anspielen. Dieser starb allerdings nicht, weil er mit einer Waffe auf die Polizisten zu gelaufen ist, sondern wahrscheinlich durch willkürliche Polizeigewalt. Der Einsatz hat landesweit zu Protesten, einer breiten Rassismus-Debatte und einem Kampf um Amerikas kulturelle Deutungshoheit geführt.