10. März 2018 - 16:26 Uhr

Ein Weltmeister von trauriger Gestalt

Per Mertesacker hat wenige Monate vor seinem angekündigten Karriere-Ende einen kritischen Blick auf das Leben als Profifußballer geworfen. Der 33-Jährige beklagte sich im 'Spiegel' über den großen Druck, auf den er mit Brechreiz und Durchfall reagierte.

Mertesacker: Gott sei Dank gegen Italien verloren

82 Millionen Deutsche waren unendlich traurig, als Fabio Grosso in der vorletzten Minute der Nachspielzeit des WM-Halbfinales 2006 die Italiener mit 1:0 in Führung schoss und das Aus für den Gastgeber einläutete. Nur einer war regelrecht froh: Per Mertesacker.

"Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert. Ich weiß es noch, als wäre es heute. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei", gestand Mertesacker im 'Spiegel'. Während der WM im eigenen Land habe er den größten Druck in seiner Laufbahn verspürt, so der Verteidiger, der im Sommer seine Karriere beenden wird.

Christoph Metzelder kann die Aussagen seines damaligen Abwehrkollegen in der DFB-Elf überhaupt nicht nachvollziehen. "Ich habe die WM 2006 überhaupt nicht so empfunden. Ab einem gewissen Punkt waren wir auf einer Welle", sagte Metzelder bei Sky. Auch Rekordnationalspieler Lothar Matthäus reagierte völlig verständnislos. Niemand habe Mertesacker gezwungen, für Deutschland zu spielen, außerdem hätte dieser seine Karriere jederzeit früher beenden können.

Vor allem an Spieltagen ein psychisches Wrack

BAU // Fussball / Herren / FIFA WM Weltmeisterschaft 2006 / Deutschland - Italien: Per Mertesacker enttäuschtcopyright by Pressefoto BaumannD-71638 LudwigsburgKönigsallee 43 Telefon 07141 440087 Fax 07141 440088KSK Ludwigsburg (60450050) Konto Nr. 58
Per Mertesacker nach dem WM-Halbfinale 2006: Traurig, aber vor allem erleichtert
© baumann, Baumann/Augenklick

Darf man Mertesackers Ausführungen Glauben schenken, waren seine Jahre im Profifußball eine einzige Qual. Die vielen Privilegien eines Fußballprofis seien ihm zwar bewusst, aber "irgendwann realisierst du, dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist", gestand der Abwehrspieler des FC Arsenal.

Sein Körper habe seine gesamte Profikarriere hinweg vor jedem Spiel mit Brechreiz und Durchfall auf den Druck reagiert, führte Mertesacker aus. "Als sei das, was dann kommt, symbolisch gesprochen, einfach nur zum Kotzen."

Die Verletzungen im Verlauf seiner Karriere führte der frühere Profi von Hannover 96 und Werder Bremen nicht zuletzt auf die hohe mentale Belastung zurück: "Wenn ich nicht mehr konnte, war ich verletzt, so war es immer. Ich behaupte sogar, dass viele wiederkehrende Verletzungen psychisch bedingt sind. Dass der Körper der Seele damit zu Ruhe verhilft. Aber das hinterfragt niemand."

Verletzungen gerne mitgenommen

In seiner Karriere habe sein Körper mindestens einmal im Jahr gestreikt. "Es denken alle, es wäre  ein Drama, wenn du verletzt ausfällst - ist es nicht", sagte Mertesacker: "Denn es ist der einzige Weg, eine legitimierte Auszeit zu bekommen, mal raus zu sein aus der Mühle."

Bei seinem Abschiedsspiel im Mai werde er "mit über 30 zum ersten Mal in meinem Leben frei sein", sinnierte der Weltmeister von 2014, der anschließend die Leitung der Nachwuchsakademie des FC Arsenal übernehmen soll. In dieser Rolle wolle er "das System angreifen": Die Talente dürften nicht alles auf die Fußballkarte setzen und die Schule vernachlässigen. Schließlich schaffe es am Ende nur ein Prozent von ihnen.