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Brasiliens Schicksal hängt am seidenen Faden von Neymar

Brasiliens Schicksal hängt am seidenen Faden von Neymar

Neymar; Brasilien
Seine Mannschaft ist immer nur so gut wie er: Brasilien-Star Neymar.
Getty Images, Bongarts

Die Neymar-Festspiele sind eröffnet. Mit seinen zwei Treffern im letzten Vorrundenspiel der Gruppe A beim 4:1-Triumph gegen Kamerun hat Brasiliens großer Hoffnungsträger gezeigt, welch außergewöhnliche spielerische Klasse in ihm steckt – doch nicht nur das.

Schon vor dem Turnier wurde der 22-Jährige allenthalben zum achten Weltwunder am Ball hochstilisiert. Wer wird der Star der WM? Neymar, schrie die Masse reflexartig. Messi, Müller, Suarez, Hernandez & Co.? Ja klar, die auch, aber irgendwie auch nicht.

An Neymar scheint der Druck, bei den brasilianischen Festspielen zum allgegenwärtigen Meister zu avancieren, jedoch vorbeizugehen. Während eine allzu große Erwartungshaltung auch bei Fußballern zumeist die Tendenz hat, sich lähmend auszuwirken, geht der Stürmer des FC Barcelona damit spielerisch um. Mit einer Leichtigkeit, die verblüfft. Und mit einer Coolness, die bisweilen der eines Weisen zu gleichen scheint. "Ich habe immer gesagt, dass ich keinen Druck verspüre. Vielleicht fehlt mir das Sinnesorgan, mit dem man Druck wahrnimmt", so Neymars Eigen-Diagnose. Wie Recht er hat.

Selbst als ihn der Kameruner Allam Nyom in der 15. Minute an der Torauslinie zu Boden wuchtete, als würde er sich eines lästigen Stalkers erwehren, blieb Neymar die Ruhe selbst. Atmete, guckte, stand auf und schwebte zurück auf den Platz. Dabei hätte er allen Grund gehabt, aus der Unsportlichkeit ein kleines Drama zu inszenieren. Doch das scheint Neymar fremd. Den erbärmlichen Versuch einer Entschuldigung seines Widersachers ignorierte er einfach, ohne dabei großes Aufsehen zu erregen. Er wusste, was zu tun war. Tore sind schließlich die einzigen 'Strafen' im Fußball, die nachhaltig sind. Zwei Minuten später zappelte der Ball zum ersten Streich im Kameruner Tor.

Danach blühte Neymar auf. Tanzte seine Gegenspieler nach Belieben auf dem Bierdeckel aus, hier und da ein guter alter No-Look-Pass, Zuspiele mit der Hacke und noch ein Tor. Die rund 70.000 Zuschauer in Brasilia waren aus dem Häuschen. Auf der Euphoriewelle geland es sogar Fred, endlich das Tor zu treffen. Ein perfekter Abend für die Selecao – könnte man meinen.

Doch es war auch mehr als deutlich zu sehen, wie sehr das Spiel vom Auftritt seines Rudelführers abhängt. Zumal die miIlionenschwere Abwehr um David Luiz, Marcelo, Dani Alves und Thiago Silva hat mit haarsträubenden Zuordnungsproblemen und nachlässiger Deckungsarbeit ihren Beweis der Hochklassigkeit bislang noch nicht erbracht. "Das war unser bestes Spiel bisher. Der Sieg gibt uns Ruhe, wir haben alles dafür getan, ihn uns zu verdienen", interpretierte Neymar seine Glanzleistung gegen Kamerun selbstlos für seine Teamkameraden mit.

Vidal: Chile ist "wie ein Selbstmord-Kommando"

Arturo Vidal; Chile
Arturo Vidal heißt nicht nur "Krieger", er spricht auch so.
Getty Images, Bongarts

Doch die nächste, vielleicht erste echte, Reifeprüfung für Neymar & Co. steht vor der Tür: Im Achtelfinale geht es für den Gruppensieger nun gegen Chile. Das macht Angst. Und das nicht nur, weil Chile im Vorfeld der WM wie so vielen anderen Teams auch der Geheimfavoriten-Orden verliehen wurde. Für die Mannschaft um Arturo Vidal wird die Begegnung einem Klassenkampf ähneln. Es geht um die Vorherrschaft in Südamerika.

"Wir sind eine Mannschaft wie ein Selbstmord-Kommando. Wir geben unser Leben für diese WM", machte Vidal keinen Hehl daraus, wie ernst es den Chilenen ist. Und dass La Roja nicht nur kämpferisch, sondern gleichermaßen zu überzeugen weiß, hat nicht erst die DFB-Elf in der Vorbereitung auf das Turnier erfahren.

Gegen das Team von Trainer Jorge Sampaoli wird sich zeigen, wie gut Brasilien als Kollektiv agieren kann. Die Aufwärmphase ist vorbei. In der Playoff-Phase ticken die Uhren anders. „Wenn Neymar es auf dem Platz regnen lässt, wundert sich keiner“, erkannte Luiz zu später Stunde. Ein vielsagendes Eingeständnis, wie sehr das Schicksal der Selecao am seidenen Faden eines Neymar da Silva dos Santos Junior hängt. Sollten es gegen Chile nicht alle mitregnen lassen, könnte das Team von Trainer Luiz Felipe Scolari bei der WM schneller den Schirm zumachen, als ihnen lieb ist.