Brasilien und sein Problem mit Neymar

Brasiliens Hoffnungen ruhen auf seinen Schultern: Neymar.
Brasiliens Hoffnungen ruhen auf seinen Schultern: Neymar.
© REUTERS, Marcelo del Pozo

18. Juni 2014 - 11:42 Uhr

Nach der Nullnummer gegen Mexiko läuten in Brasilien die Alarmglocken. Der WM-Gastgeber bangt um den Einzug ins Achtelfinale - und diese Sorge ist nicht unbegründet. Die 'Selecao' hat in ihren ersten beiden Partien gezeigt, dass sie keine Übermannschaft ist und ein gravierendes Problem hat: Das Wohl und Wehe hängt von Superstar Neymar ab.

Als Felipe Scolari am Dienstagnachmittag vor die Pressevertreter trat, war er bemüht, das dürftige Remis seiner Brasilianer gegen Mexiko als Erfolg zu verkaufen. Er sei mit der Leistung "ziemlich glücklich", sagte der Trainer, nach dessen Meinung sich seine Mannschaft im Vergleich zum Kroatien-Spiel "um zehn Prozent verbessert" habe: "Am Ende ist das 0:0 kein gutes Resultat, aber es spiegelt das Spiel wider" - was nicht gerade für die Brasilianer spricht.

Wenn der selbst ernannte Top-Favorit gegen eine allenfalls durchschnittliche Auswahl aus Mexiko nicht über ein Remis hinauskommt, ist das bedenklich. Hätten die Mittelamerikaner einen ihrer Konter ordentlich zu Ende gespielt, Brasilien hätte den Platz sogar als Verlierer verlassen. Wolfsburg-Profi Luiz Gustavo lobte deshalb den "sehr guten Gegner" und sprach von einem gerechten Ergebnis.

Den Spielern dürfte genauso wie den neutralen Beobachtern bewusst werden, dass die 'Selecao' gar nicht so stark ist, wie sie vor dem Turnier von all den Experten gehandelt wurde. Gegen Mexiko ließen sich die Außenverteidiger Dani Alves und Marcelo immer wieder überlaufen, vorne fehlten Oscar, Ramires und dem mit Pfiffen versehenen Fred die Mittel, um klare Torchancen zu kreieren. Nachdem Bernard und Jo in die Partie kamen und sich ebenfalls die Zähne ausbissen, wurde deutlich, dass auch die zweite Garde keine Impulse geben kann.

Scolari vom Gerede um Neymar genervt

Und so reift die Erkenntnis, dass das Spiel der Brasilianer zu abhängig ist von den Momenten seines Superstars Neymar. Der Offensiv-Allrounder vom FC Barcelona spielte wie schon gegen Kroatien groß auf, lief viel und suchte immer den Weg zum Tor, das allerdings wie vernagelt schien. Mexiko-Keeper Guillermo Ochoa parierte nicht nur gegen Neymar (26./69.), sondern vereitelte auch die Großchancen von Paulinho (44.) und Thiago Silva (86.) - und verhagelte Scolari die Stimmung.

Der Trainer ist mittlerweile sichtlich genervt von dem Personenkult um seinen Wunderknaben. "In Brasilien tendieren wir dazu zu glauben, andere Spieler seien nicht so gut", schimpfte 'Felipao' und sprach zwei wichtige Sätze: "Neymar kann nicht allein gewinnen oder verlieren. In unserer Gruppe hat er vielleicht ein höheres Potenzial als die anderen, aber er braucht seine Mitspieler."

Das Problem ist, dass dies den Brasilianern offenbar nicht bewusst ist. Fällt den Mitspielern nichts ein, schieben sie die Kugel zu Neymar. Kaum ist der 22-Jährige am Ball, geht ein Raunen durch das Stadion, die ganze Nation scheint den Atem anzuhalten, wenn sich ihr großer Hoffnungsträger durch die Abwehrreihen dribbelt. Der enorme Druck, der auf den Schultern dieses jungen Mannes lastet, wächst von Spiel zu Spiel - und der für Brasilien gleich mit.

Sollte der Gastgeber auch im letzten Vorrundenspiel gegen Kamerun patzen, könnte die 'Selecao' schon in der Vorrunde die Segel streichen. Bei allem Respekt vor den Afrikanern scheint das nahezu ausgeschlossen, aber spätestens im Achtelfinale gegen Spanien, Holland oder Chile wird Brasilien ein anderes Gesicht zeigen müssen, um weiter vom Triumph im eigenen Land träumen zu können. Dass dieses Ziel erst einmal in den Hintergrund gerückt ist, beweist Brasiliens Legende Pele, der nach dem 0:0 gegen Mexiko sagte: "Das Team hat nicht schlecht gespielt. Wenn wir jetzt 1:0 gegen Kamerun gewinnen, reicht es ja schon zum Weiterkommen."

Daniel Grochow