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Brasilien-GP: Die Stunde der Außenseiter ist gekommen

Brasilien-GP: Die Stunde der Außenseiter ist gekommen

Von Steffen Kosuch

Die WM ist entschieden, doch Spannung ist in der Formel 1 weiter garantiert: Als letzte Station der Amerikareise steht für Fahrer und Teams am kommenden Wochenende der Große Preis von Brasilien auf dem Programm - ein Rennen mit weitreichender Tradition, das bereits oft Garant für extrem spannendende Duelle war, wie etwa dem Herzschlagfinale zwischen Lewis Hamilton und Felipe Massa, das 2008 erst in der allerletzten Kurve zugunsten des Briten entschieden wurde. Dürfen wir ähnlich packende Zweikämpfe erwarten?

Felipe Massa
Die Chancen, dass Außenseiter wie Felipe Massa in Interlagos auf dem Podium landen, stehen nicht schlecht.
imago/Xinhua, imago sportfotodienst

Da Hamilton die Fahrerweltmeisterschaft bereits vorzeitig in der Tasche hat, der Kampf zwischen Nico Rosberg und Sebastian Vettel um Platz 2 nach Pleite des Ferrari-Piloten in Mexiko auch kaum Verschiebungen verspricht und in der Herstellerwertung alle wichtigen Positionen bezogen scheinen, sollte es in Brasilien dieses Jahr keine riesigen Dramen geben - könnte man meinen. Denn genau wie schon vor zwei Wochen in Mexiko könnten gerade diese Tatsachen zu Rennaction führen, schließlich müssen die Fahrer nicht mehr zwingend Punkte für ihr Team einheimsen, sondern können frei fahren.

Dabei werden schon die Weichen fürs kommende Jahr gestellt, vor allem im Mercedes-Duell. Rosberg wird alles daran setzen, seinem Teamkollegen Hamilton eine weitere Niederlage zuzuführen. Die Kommentare und Sticheleien des Briten nach der Mexiko-Schmach haben gezeigt, wie sehr ein verlorenes Duell selbst einen alten und neuen Weltmeister treffen kann. Eine bessere Motivation als einen weiteren Erfolg kann Rosberg also gar nicht in die Winterpause mitnehmen.

Die Fahrer kämpfen allerdings nicht gegen ihre Kollegen, sondern auch gegen eine große Unbekannte: das Wetter, das den Grand Prix in Sao Paulo in der Vergangenheit regelmäßig zur Lotterie gemacht hat. Mal ließen wolkenbruchartige Regenfälle wahre Bäche über die Strecke fließen und spülten die Autos von der Fahrbahn, in anderen Jahren regnete es gerade so viel, dass die Strategen sich nicht sicher waren, ob es Sinn machen würde, Reifen zu wechseln oder auf der Strecke zu bleiben. Wie so oft in solchen Situationen, erlaubt es den Underdogs, mehr Risiko einzugehen und sich so eventuell vor den Etablierten in Szene zu setzen - gut möglich, dass die Kräfteverhältnisse kräftig durcheinander gewirbelt werden.

Bodenwellen ein Horror für alle Strategen

Die Strecke selbst ist gekennzeichnet von unterschiedlichen Sektoren. Im Sektor 1 und 3 hilft ein guter Antrieb, erfreuliche Nachrichten also für alle Teams mit Mercedes-Motoren. Im 2. Sektor bestimmen eher langsamere Kurven das Bild, hier zählt also vor allem mechanischer Grip und aerodynamischer Abtrieb. Was die Ingenieure auf allen Teilen der Strecke bisher immer vor große Herausforderungen gestellt hat, sind die extremen Bodenwellen. Zwar wurde die Strecke im vergangenen Jahr neu asphaltiert und dabei auch die schlimmsten Stellen ausgebessert, es muss sich aber erst noch zeigen, ob diese Maßnahmen gegriffen haben.

Ansonsten wird der Brasilien-GP auch zum Reifenpoker. Die durch die Bodenwellen kurzzeitig verloren gegangene Bodenhaftung lässt die Pneus immer wieder durchdrehen. Dies in Verbindung mit relativ viel Belastungen in den Kurven und, sollte es trocken bleiben, meist hohen Asphalttemperaturen fordert die Reifen bis an deren Schmerzgrenze. Relativ viele Boxenstopps sind die Folge und bieten den Rennstrategen der Teams reichlich Möglichkeiten, daraus ihren Nutzen zu ziehen.

Wie schon in Mexiko liegt auch die Strecke in Interlagos weit über dem Meeresspiegel, dieses Mal etwa 800 Meter. Als Folge verliert die Luft circa zehn Prozent an Dichte - ein Umstand, der die Antriebe der Turbos zusätzlich belastet. Die reduzierte Kühlwirkung (z.B. bei den Bremsen) sollten die Teams mit größeren Ein-und Auslässen der Kühlschächte aber eigentlich in den Griff bekommen, schließlich konnte man schon im weitaus höheren Mexiko - zum Teil schmerzhafte - Erfahrungen sammeln.

Was ebenfalls für die Außenseiter spricht, ist die Streckenlänge: Mit nur 4.309 Metern ist Interlagos ein ausgesprochen kurzer Kurs, was logischerweise die Rundenzeit reduziert. Die Folge: Bereits im Qualifying wird es relativ kleine Zeitunterschiede geben, jeder kleine Fehler wird sofort bestraft. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Startaufstellung ordentlich durchgemischt wird, ist groß.