Brasilianer lässt ihre 'Selecao' kalt

Während im Stadion mitgefiebert, hält sich die WM-Stimmung in den Kneipen in Grenzen.
Während im Stadion mitgefiebert, hält sich die WM-Stimmung in den Kneipen in Grenzen.
© dpa, Diego Azubel

18. Juni 2014 - 11:42 Uhr

Es muss doch toll sein, sich mit Brasilianern anzusehen, wie die 'Selecao' bei der WM gegen Mexiko spielt. Doch schnell merken wir: Im Fußballschauen sind die Brasilianer nicht Weltmeister. Das sorgt für Frust in der Hotellobby.

Plötzlich ist es wie im Stadion. Die Menschen jubeln, pfeifen singen. Ein wenig Stimmung zum Fußball kann nicht schaden, schließlich spielt die 'Selecao'. Es ist ja Weltmeisterschaft in Brasilien und das 'Posto 12' will an diesem Nachmittag eine Fußballkneipe sein. Also johlen und klatschen sie. Nicht für Superstar Neymar, dem im Spiel gegen Mexiko noch nicht viel geglückt ist. Der Held ist ein Kellner, er hat im Alleingang für Stimmung gesorgt - mit einem Finger. Er hat zu Beginn der zweiten Halbzeit einfach den Ton an einem der Fernseher aufgedreht. Es ist das erste Mal, dass die Gäste sich hörbar freuen.

Wir sind in Itapua, einem Vorort von Salvador da Bahia an der Atlantikküste. Arjen Robben und seine Kollegen von der holländischen Nationalmannschaft haben hier zwei Tage im Hotel Deville gewohnt, bevor sie die Spanier mit 5:1 schlugen. Im Ortskern an der Küstenstraße hat sich das Restaurant 'Posto 12' auf das zweite Spiel der Brasilianer bei dieser WM vorbereitet. Fahnen, flache Bildschirme an den Wänden, gelbe und grüne Pfeifen für die Gäste, was man halt so braucht. Das ist in Brasilien nicht anders als überall. Die Kellner tragen gelbe T-Shirts, hinten steht ihr Name drauf, unser Mann heißt Jairo. Er war es, der den Ton lauter gedreht hat, er hat die Lage im Griff, bringt Fisch und Bier in Plastikkühlern, natürlich "estupidamente gelada", kalt wie blöd. Und immer Daumen hoch, tudo bem, alles gut. Das ist so ziemlich das einzige Klischee, das sich an diesem Nachmittag erfüllt. Danke, Jairo.

Brasilianisches Fußballflair?

Dass in Brasilien längst nicht alles gut ist, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, die WM ist im Land nicht unumstritten. Aber im Kern geht es doch zumindest während eines Spiels immer noch um Fußball. In ihrer ersten Partie hatten die Brasilianer dank Neymar und mit Hilfe des Schiedsrichters 3:1 gegen Kroatien gewonnen, nun geht es in Fortaleza gegen Mexiko. Das 'Posto 12' ist um kurz vor vier voll besetzt, 'Selecao'-Trikots sind das bevorzugte Kleidungsstück, die brasilianische Flagge wird bisweilen als Piratentuch getragen. Und gleich, denken wir, stehen alle auf und singen gemeinsam die Nationalhymne - diese fußballverrückten Brasilianer.

Doch während das Stadion in Fortaleza die Nationalhymne schmettert und Neymar vor Rührung einen Heulkrampf kriegt, bestellen sie im Restaurant weiter Shrimps und Bier, pulen frische Erdnüsse aus den Schalen, konsultieren noch einmal das Handy, schwatzen angeregt. Die Brasilianer im 'Posto 12' machen, was wir auch tun, den Anpfiff nehmen sie leidenschaftslos zur Kenntnis, den Großteil der Partie auch. Ist das brasilianisches Fußballflair? Vielleicht passt es dazu, dass die Partie ohne Tor endet. Brasilien lässt sich an diesem Nachmittag nicht aus der Reserve locken.

Dabei hat sich die Anreise zum vermeintlichen Public-Viewing-Spektakel in Itapua noch als durchaus schwierig erwiesen. Vier Taxifirmen lassen ausrichten: Fahrer? Fahren gerade nicht. In einer Stunde spielt Brasilien, da will Brasilien zuschauen, nicht erst mit dem Anpfiff. Auch der für den Vormittag geplante Journalistenausflug in den Camacari Komplex war abgesagt worden. Der mit mehr als 90 Firmen größte integrierte Industriekomplex im Norden Brasiliens hatte kurzfristig beschlossen, an diesem Tag doch nur bis elf Uhr vormittags zu arbeiten. Die 'Selecao', Sie verstehen. Zurück in der Hotellobby sind wir um eine Illusion ärmer. Auch die Brasilianer flippen bei einem 0:0 gegen Mexiko nicht aus. Doch wir erinnern uns an Kevin Großkreutz und - nein, natürlich nicht. Wir ernten auch missbilligende Blicke, testen aber nur unsere Pfeifen. Sie hätten funktioniert. Wenigstens das.

Quelle: n-tv.de, Christoph Wolf und Stefan Giannakoulis