Der "Gypsy King" ist wieder da

Boxen: Tyson Fury feiert das Comeback des Jahres

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15. Januar 2019 - 11:03 Uhr

Unmöglich? Nicht für Tyson Fury

Das Ende eines Sportjahres gleicht einer Oscar-Verleihung. In verschiedenen Kategorien werden jene Helden gekürt, die in den vergangenen zwölf Monaten Außergewöhnliches erreicht haben. Der Titel für das "Comeback des Jahres" kann dieses Jahr nur an einen gehen: Tyson Fury. Der Mann, der einst Wladimir Klitschko entthronte, schaffte 2018 gleich zwei unfassbare Comebacks.

Von Martin Armbruster

Manchmal muss man ein paar Tage ins Land ziehen lassen, um etwas zu würdigen. Muss warten, bis der Donner verhallt ist. Und gedonnert hat es an diesem ersten Dezembertag des Jahres 2018 in der Stadt der Engel, Los Angeles, Kalifornien. 17.700 begeisterte Zuschauer wurden im Staples Center Zeugen eines der unglaublichsten Comebacks der Boxgeschichte – der Wiederauferstehung des Tyson Fury.

"Es war eine echte Rocky-Balboa-Geschichte, eine Cinderella-Story", sagte Fury nach seinem spektakulären Kampf gegen Schwergewichts-Weltmeister Deontay Wilder mit strahlenden Augen. Wenngleich ohne formelles Happy End. "Ich habe das Gefühl, dass man mich um das großartigste Comeback der Boxhistorie betrogen hat. In ein paar Jahren steht nur noch das Ergebnis in den Geschichtsbüchern", sinnierte der Engländer enttäuscht.

Punktrichter bringen Fury um den WM-Titel

(in color trunks) Deontay Wilder goes 12 rounds with Tyson Fury at the Staple Center Saturday. The fight was draw between both fighters from the judges scoring . Los Angeles, CA. Dec 1,2018. . Wilder-vs-Fury-BOXING PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - Z
Tyson Fury zeigte Deontay Wilder im Ring die Grenzen auf
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In der Tat: zwei offensichtlich brillenreife Punktrichter hatten Fury in L.A. um den verdienten Sieg gegen Wilder und damit die WBC-Krone in der Königsklasse des Boxens gebracht. Einer der Maulwürfe wertete remis, der andere schrieb Wilder unerklärlicherweise vier Punkte mehr auf den Deckel. Weil immerhin Juror Nummer 3 den Gast von der Insel vorne sah, lautete das offizielle Verdikt Unentschieden. Ein klares Fehlurteil in den Augen nahezu aller Betrachter, die in Fury den wahren Sieger sahen.

Absurde Punktwertungen und Betrug sind in einem von Korruption zerfressenen Sport wie dem Preisboxen nichts Neues. Der Westküsten-Raub an Fury nimmt dessen Fabel-Rückkehr deshalb auch nicht die Magie. Man muss die Box-Mathematik einfach ausblenden und das Wesentliche ins Licht setzen. Das dämmerte bald auch dem Bestohlenen.

Drogen, Depressionen, Selbstmordgedanken - Fury war ganz unten

Die Metamorphose des Tyson Fury
Tyson Fury speckte in einem Jahr rund 60 Kilo ab
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"Wenn ich überlege, wo ich war, ist es für mich und meine Familie einfach nur unglaublich hier zu sitzen, und auf ein fantastisches Jahr zurückzublicken. 2018 war das beste Jahr meines Lebens, dabei habe ich so weit unten begonnen. Aber ich hatte den Willen, die Entschlossenheit und die richtigen Leute um mich herum. Wir haben uns ein Ziel gesetzt. Alle Kritiker sagten, ich könne nicht zurückkommen. Die Wetten standen gegen mich, die Geschichte sagte, ich könne nicht zurückkommen. Jeder Schwergewichts-Champion, der nach einer Pause zurückkehrte, wurde flachgelegt. Aber nicht ich. Das macht mich einzigartig", rekapitulierte Fury nach dem Kampf bei BT Sport.

2017 schmorte Tyson Fury noch im Fegefeuer seiner eigenen Dämonen. Depressionen plagten den 2,06-Meter-Riesen aus Manchester. Fury hing an der Flasche, schmiss Drogen ein, stopfte alles in sich, was nur irgendwie nach Zucker und Fett roch. Fast 180 Kilogramm wog der Mann, der Ende 2015 in Düsseldorf sensationell den langjährigen Schwergewichts-König Wladimir Klitschko entmachtet hatte.

Wie schlimm es um den Ex-Weltmeister stand, verriet Fury vor seinem Duell mit Wilder. Bemerkenswert offen erzählte er, wie er sich mit einem Ferrari zu Tode rasen wollte. Einzig der Gedanke an seine Kinder habe ihn vom Selbstmord abgehalten. Erst Ende 2017 befreite sich Fury langsam aus der Geiselhaft des Depressions-Satans. Weil er offen über seine Krankheit sprach, sich Freunden und Familie anvertraute, professionelle Hilfe in Anspruch nahm.

Experten gaben keinen Pfifferling auf Fury

Als der "Fat Gypsy" zum Jahreswechsel 17/18 sein Comeback ankündigte und gleich noch seine Weltmeister-'Nachkömmlinge' Wilder und Anthony Joshua herausforderte, nahm (wieder mal) niemand Fury für voll. Überhaupt wieder halbwegs in Form zu kommen, geschweige denn um den Titel zu boxen – all das hielten die Faustkampf-Fachmänner angesichts Furys schwabbelnder Speckschichten für unmöglich.

Fury aber ging ins Gym. Trainierte wie ein Irrer. Entgiftete seinen Körper. Vertrieb die bösen Geister. Aus dem depressiven Fettsack wurde Schritt für Schritt wieder der "Gypsy King" – der "Zigeuner-König", wie sich Fury wegen seiner Herkunft als Irish Traveller nennt. Nach zwei Erfolgen gegen die sorgsam ausgewählten Aufbaugegner Sefer Seferi und Franceso Pianeta warf er im August tatsächlich WBC-Champion Wilder den Fehdehandschuh hin. Und wieder krähten Kritiker und Experten: Gegen Fallobst zu boxen sei ja schön und gut. Aber Deontay Wilder besiegen, die K.o.-Maschine aus den USA? Unmöglich!

Fury zeigt dem K.o. die kalte Schulter

(in color trunks) Deontay Wilder knocks down Tyson Fury a 2nd time in the 12 round at the Staple Center Saturday. The fight was draw between both fighters from the judges scoring . Los Angeles, CA. Dec 1,2018. Wilder-vs-Fury-BOXING PUBLICATIONxINxGER
Tyson Fury erwies sich in Los Angeles als unausknockbar - selbst nach diesem Treffer stand er wieder auf
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Fury belehrte alle eines Besseren. Nur noch 116 Kilogramm schwer, tänzelte er in Los Angeles um Wilder herum, ließ den Weltmeister teilweise wie einen Anfänger aussehen. Runde für Runde flogen die wilden Geschosse des Amerikaners ins Leere. Runde für Runde punktete der agile Fury mit seinen schnellen Fäusten. Auch von einem kurzen (und harmlosen) Bodenbesuch in Runde 9 ließ sich der Klitschko-Schreck nicht beirren. Die Fury-Show ging ihrem Höhepunkt entgegen – bis zur 12. und letzten Runde.

Wie aus dem Nichts haute der amerikanische K.o.-Knipser dem einen Moment unachtsamen Fury eine gewaltige Rechte ans Kinn. Der fiel und kassierte auf seinem Weg nach unten auch noch einen linken Haken an den ungeschützten Kopf. Wie vom Blitz getroffen lag Fury da, alle Viere von sich gestreckt. Ein leeres Augenpaar starrte die Hallendecke an, als der Ringrichter zu zählen begann. Der Knockout schien besiegelt, der Traum vom Märchen-Comeback geplatzt. Von wegen!

Denn während Wilder schon feierte, rappelte sich Fury auf. Bei 9,9 stand er wieder auf festen Beinen. Die grölenden Fans im Staples Center trauten ihren Augen nicht: Wie um Himmels Willen kann ein Mensch nach solch vernichtenden Donnerschlägen wieder aufstehen? Völlig perplex glotzte auch Wilder aus der Wäsche. "Gott weiß, wie er da wieder hochkam", sagte der "Bronze Bomber" später ungewohnt kleinlaut, auch Fury witterte eine "göttliche Intervention".

"Wenn ich es schaffen kann, könnt ihr das auch"

Auf der letzten Etappe seiner sowieso schon unfassbaren Reise ins Zurück hatte Fury ein zweites Comeback geschafft – das Comeback im Comeback, wenn man so will. Und wie er zurückkam. Am Ende der finalen Runde war es Fury, der das Geschehen diktierte.

"Ich wollte zeigen, wie viel im Leben möglich ist und den Leuten da draußen eine Inspiration sein", sagte Fury tags darauf im britischen Frühstücks-Fernsehen zu Morgentalker Piers Morgan. "Wenn ich es schaffen kann, kann es jeder schaffen. Der Hauptgrund, warum ich in dieser 12. Runde wieder aufgestanden bin, war, um eins zu zeigen: Wenn ich nach solch einem Niederschlag wieder aufstehen und weitermachen kann, könnt ihr das auch."

"There's only one Tyson Fury" (Es gibt nur einen Tyson Fury), hatten die biergeschwängerten britischen Fans in der Stadt der Engel gesungen, lange schon, bevor ihr Held in den Ring kletterte. Quod erat demonstrandum Tyson Fury – was zu beweisen war.