Boxen: Generationen-Kämpfe im Schwergewicht - von Jack Johnson bis Vitali Klitschko

27. April 2017 - 12:00 Uhr

Von Martin Armbruster

Der alte Löwe, der mit aller Macht sein Territorium von einem jungen Rivalen zurückerobern will – die Schwergewichts-Historie ist reich an Generationen-Duellen wie dem zwischen Wladimir Klitschko und Anthony Joshua. Ein Streifzug durch die Geschichte des Faustkampfes zeigt, an wem sich der 41-jährige Klitschko für das Ring-Duett mit dem 14 Jahre jüngeren IBF-Weltmeister (29. April, ab 22 Uhr live bei RTL) ein Beispiel nehmen und welche Comeback-Versuche 'Dr. Steelhammer' lieber ausblenden sollte.

James J. Jeffries vs. Jack Johnson (4. Juli 1910, Reno/USA)

"Jeffries muss seiner Alfalfa-Farm den Rücken kehren und Johnson dieses goldene Lächeln aus dem Gesicht prügeln", telegrafiert Jack London am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1908 aufgewühlt aus Australien in die USA. Was er eben im Sydney-Stadium zusammen mit 20.000 nicht minder entsetzten Zuschauern gesehen hat, ist schlicht zu viel für den bekannten Schriftsteller. Mit spielerischer Leichtigkeit hatte der schwarze Jack Johnson den amtierenden Schwergewichts-Weltmeister Tommy Burns verdroschen und die Überlegenheits-Fantasien weißer Rassen-Dogmatiker erschüttert.

Londons Appell an James J. Jeffries wird nicht der einzige bleiben. Schon bald ist der 1904 als ungeschlagener Meister aller Klassen abgetretene Amerikaner das Ziel einer regelrechten Kampagne, die da lautet: Jeffries muss die Ehre des weißen Mannes wiederherstellen! Derlei Ansagen prallen an dem Koloss jedoch ab wie einst die Haken seiner 21 Gegner. Nein, mit Pathos kann man Jeffries nicht zu einem Comeback überreden, zu gemütlich hat er es sich auf seiner Farm in Kalifornien gemacht. Erst als Promoter-Pate Tex Rickard mit einer Menge Geldbündel wedelt, willigt der Altmeister ein.

Die 117.000 Dollar, die Jeffries für den ersten 'Kampf des Jahrhunderts' kassieren wird, entpuppen sich am 4. Juli 1910 in Reno als Schmerzensgeld. Denn als vor 16.000 Zuschauern der Gong zur ersten von 45 angesetzten Runden ertönt, stellt sich schnell heraus, dass der 35-Jährige nur noch ein Schatten früherer, glanzvoller Tage ist. Der 32 Jahre alte Johnson dagegen steht im Zenit seines Könnens und deckt seinen Kontrahenten trotz einer schier unerträglichen Hitze Runde um Runde nur so mit Schlägen ein. In Runde 15 ist Jeffries sterbensmüde. Nach einem Volltreffer des 'Galveston Giants' sackt er zum ersten Mal zu Boden, nach einer weiteren schweren Rechten geht er k.o. Die USA müssen lernen, mit einem schwarzen Schwergewichts-Champion zu leben.

Joe Louis vs. Rocky Marciano (26.10.1951, New York/USA)

Mehr als eine Dekade lang hat Joe Louis die Königsklasse unangefochten beherrscht, als er 1950 von Ezzard Charles entthront wird. Mit dem Verlust seiner Krone findet sich der 'braune Bomber' aber nicht ab. Als erster Schwergewichtler will er das bis dato eiserne Gesetz 'They never come back' (Sie kommen nie mehr zurück) durchbrechen. Also geht Louis auf 'Tournee'. Nach acht Siegen in neun Monaten gegen überwiegend zweitklassige Gegner steht er 1951 wieder kurz vor einem WM-Kampf. Erst aber muss der 37-Jährige einen jungen Italo-Amerikaner namens Rocky Marciano aus dem Weg räumen, den viele Kenner des Faustkampfes schon zum neuen Champion und Nachfolger Jack Dempseys auserkoren haben.

Im Madison Square Garden zeigt sich schnell, dass vom 'braunen Bomber' früherer Tage nicht mehr viel übrig ist. Marciano kennt mit dem neun Jahre älteren Louis keine Gnade, zertrümmert das Box-Idol regelrecht. Als Louis in Runde 8 nach einem wuchtigen Haken durch den Ring fliegt, fängt der Ringrichter erst gar nicht mit dem Zählen an. Es ist das traurige Ende des vielleicht größten Schwergewichts-Champions aller Zeiten. Entsprechend sentimental titelt die US-Presse: "Der Traum des alten Mannes ist vorbei."

Muhammad Ali vs. Leon Spinks II (15.09.1978, New Orleans/USA)

FILE - In this Oct. 1, 1975, file photo, heavyweight champion Muhammad Ali connects with a right to challenger Joe Frazier in the ninth round of their title fight in Manila, Philippines. It was, Muhammad Ali would later say, the closest thing to deat
Muhammad Ali (r., hier 1975 gegen Joe Frazier) erklomm dreimal den WM-Thron im Schwergewicht.
© picture alliance / AP Photo, MITSUNORI CHIGITA

Anfang 1978 macht Muhammad Ali den Fehler, einen jungen Herausforderer namens Leon Spinks zu unterschätzen. Der 'Größte' sieht in dem 24-jährigen Novizen, der erst sieben Profikämpfe auf dem Buckel hat, offensichtlich keine Gefahr. Dabei hat Spinks bei den Olympischen Spielen 1976 seine Klasse mit einer Goldmedaille schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Im Hilton Hotel von Las Vegas punktet der Jungspund einen uninspirierten und müden Ali über 15 Runden aus und krönt sich zum Weltmeister.

Ali, an der Ehre gepackt, fordert Spinks sogleich zur Revanche, die im September 1978 stattfindet. Vor 63.500 Zuschauern im Superdome von New Orleans präsentiert sich 'The Greatest' wesentlich austrainierter als beim ersten Gefecht, beeindruckt die Punktrichter ein ums andere Mal mit schnellen Kombinationen. Von Spinks, dem das Leben als Weltmeister ein wenig zu Kopf gestoßen ist, kommt dagegen nicht viel. Nach 15 Runden gibt es an Alis Punktsieg nichts zu deuteln, der 36-Jährige erklimmt zum dritten Mal nach 1964 und 1974 den Schwergewichts-Thron.

Muhammad Ali vs. Larry Holmes (02.10.1980, Las Vegas/USA)

Eigentlich hat Muhammad Ali nach dem Sieg über Leon Spinks seine glorreiche Karriere für beendet erklärt. Wie so viele Ring-Größen vor ihm, kann jedoch auch der 'Größte' nicht loslassen und entschließt sich zu einem Comeback. Sein fortgeschrittenes Alter von 38 Jahren hält Ali ebenso wenig von seiner Rückkehr ab, wie erste Anzeichen des Parkinson-Syndroms, welches die Boxlegende wenig später mit all seiner Bösartigkeit heimsuchen wird. Dass mit Larry Holmes sein langjähriger Sparringspartner im Schwergewicht inzwischen das Sagen hat, bestärkt Ali vielmehr in dem Glauben, ein viertes Mal zu Weltmeister-Ehren zu gelangen.

Im Oktober 1980 kreuzt Ali mit dem sieben Jahre jüngeren Titelverteidiger schließlich die Fäuste und kassiert neben der damaligen Rekordbörse von acht Millionen Dollar eine fürchterliche Tracht Prügel. Von einer Abspeck-Kur mit Pillen geschwächt, wirkt Ali im Seilgeviert nur noch wie ein harmloser Geist.

Vom "schwebenden Schmetterling, der wie eine Biene sticht", ist nichts mehr zu sehen. Immer wieder knallt Holmes dem Ex-Champion seinen legendären linken Jab vor den Latz und nagelt ihn an den Seilen fest. Fast scheint es, als habe der 'Easton Assassin' Mitleid mit der Box-Ikone, jedenfalls setzt er nicht bedingungslos nach. Als Ali nach zehn Runden kaum noch stehen kann, wirft Trainer Angelo Dundee das Handtuch. Vom Anblick seines alten Lehrmeisters berührt, kommen Holmes bei einem Interview nach dem Kampf die Tränen.

Larry Holmes vs. Mike Tyson (22.01.1988, Atlantic City/USA)

Von dem ganzen Hype, der Ende der 80er Jahre um die K.o.-Maschine Mike Tyson entsteht, ist einer gänzlich unbeeindruckt: Larry Holmes. Wie vor ihm schon Ali, bekommt auch er einfach nicht genug vom Boxen, schließlich hat der 'Easton Assassin' das Schwergewicht jahrelang dominiert. Großspurig verspricht Holmes, seinem jungen 'Nachfahren' Tyson eine kostenlose Box-Lektion zu erteilen.

Dank seiner exzellenten Technik kann der Altmeister im Januar 1988 immerhin drei Runden mithalten, dann übermannt ihn die Power seines 16 Jahre jüngeren Rivalen. Als Holmes in Runde 4 nach einer krachenden Rechten von 'Iron Mike' zum dritten Mal zu Boden fällt, bricht Ringrichter Joe Cortez den Kampf sofort ab, um den 38-Jährigen vor bleibenden Schäden zu bewahren. Der alte Löwe Holmes muss sein Revier endgültig an das Alphatier der neuen Generation abtreten.

George Foreman vs. Michael Moorer (05.11.1994, Las Vegas/USA)

Bildnummer: 01377857  Datum: 05.11.1994  Copyright: imago/Icon SMIGeorge Foreman (li.) gegen Michael Moorer (beide USA) - PUBLICATION ONLY FOR GERMAN, SWISS, AUSTRIAN AND HUNGARIAN MEDIA (Icon5590168); Vdia, hoch Weltmeisterschaft 1994, Boxsport, Pro
George Foreman krönte sich 1994 zum ältesten Schwergewichts-Champion aller Zeiten.
© imago

20 Jahre nach seinem sensationellen Verlust des WM-Titels gegen Muhammad Ali im legendären 'Rumble in the Jungle' will es George Foreman nochmal wissen. Gegen den ungeschlagenen und 19 Jahre jüngeren Champion Michael Moorer räumen dem 45-Jährigen aber allenfalls Träumer eine reelle Chance ein.

Die Skeptiker, die in Foreman nicht mehr als einen Burger-vernichtenden Grüßgott-Onkel sehen, werden in den ersten neun Runden bestätigt. Auf schnellen Beinen schwirrt Rechtsausleger Moorer um den behäbigen 113 Kilo-Koloss herum, deckt Foreman immer wieder mit linken Aufwärtshaken und rechten Geraden ein.

Stoisch erträgt 'Big George' die Prügel, bis er in Runde 10 plötzlich mehrmals mit seiner gefürchteten rechten Schlaghand durchkommt. Nach einer Links-Rechts-Kombination ist Moorer für einen Moment wie schockgefroren. Darauf hat Foreman gewartet: Aus kurzer Distanz haut der Ring-Veteran seinem Kontrahenten eine gewaltige Rechte ans Kinn und entbindet Moorer seiner Sinne. "It happened, it happened!" (Es ist passiert, es ist passiert!), ruft HBO-Kommentator Jim Lampley das Wunder ekstatisch in alle Welt hinaus. Kurz vor seinem 46. Geburtstag krönt sich Foreman zum ältesten Schwergewichts-Weltmeister aller Zeiten.

Vitali Klitschko vs. Samuel Peter (11.10.2008, Berlin)

BERLIN - OCTOBER 11: Vitali Klitschko of the Ukraine and Samuel Peter of Nigeria fight during the WBC World Heavyweight Championship at the O2 World on October 11, 2008 in Berlin, Germany. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)
Vitali Klitschko verabreichte Samuel Peter 2008 bei seinem Comeback eine ordentliche Tracht Prügel.
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

Nach eindrucksvollen K.o.-Siegen über Corrie Sanders und Tyson-Bezwinger Danny Williams trägt Vitali Klitschko 2004 nicht nur den WBC-Gürtel, auch das renommierte Fachmagazin 'The Ring' erkennt 'Dr. Eisenfaust' als rechtmäßigen Meister aller Klassen und legitimen Nachfolger des zurückgetretenen Lennox Lewis an. Aus der triumphalen Regentschaft des älteren Klitschkos wird zunächst allerdings nichts. Eine Reihe von Verletzungen macht dem Ukrainer einen Strich durch die Rechnung. Frustriert tritt Klitschko 2005 zurück. Da er seinen WBC-Titel aber nie im Ring verloren hat, erklärt ihn der Weltverband zum 'Champion Emeritus' und räumt dem 2,01-Meter-Riesen so das Recht ein, bei einem Comeback sofort wieder um den WM-Titel boxen zu dürfen.

Drei Jahre später zieht Klitschko – von seinen Blessuren genesen – die Titel-Option. Ohne auch nur einen Vorbereitungskampf bestritten zu haben, tritt der 37-Jährige in Berlin gegen den gefürchteten K.o.-Schläger und neun Jahre jüngeren Samuel Peter aus Nigeria an. Ein Zug, den nicht wenige Beobachter kritisch sehen, zu gut sind ihnen noch die drei Niederschläge im Gedächtnis, die der 'Nigerian Nightmare' Klitschkos jüngerem Bruder Wladimir 2005 bei einer knappen Punktniederlage in Atlantic City verpasst hat.

Im Ring erweist sich dann allerdings der unorthodox boxende Vitali für Peter als Albtraum. Von der ersten Runde an erteilt der emeritierte Box-Professor dem WBC-Champion ein schmerzhaftes Faust-Seminar. Nach acht einseitigen Runden hat Peter genug und gibt auf. Der Traum der Klitschkos wird wahr: Erstmals halten zwei Brüder zeitgleich einen WM-Titel im Schwergewicht. Drei Jahre später sind schließlich alle vier anerkannten Gürtel im Familienbesitz.