Anthony Joshua nach Sieg über Andy Ruiz

Der Disputed Champion

Andy Ruiz Jr v Anthony Joshua 2 - Clash on the Dunes, IBF, WBA, WBO & IBO World Heavyweight Title Fight
Andy Ruiz Jr v Anthony Joshua 2 - Clash on the Dunes, IBF, WBA, WBO & IBO World Heavyweight Title Fight
© Getty Images, Bongarts, RH

08. Dezember 2019 - 22:30 Uhr

Von Martin Armbruster

Er ist wieder da: Nach seinem Wüsten-Punktsieg über Andy Ruiz jr. ist Anthony Joshua zum zweiten Mal Weltmeister im Schwergewicht. Der Promoter des Briten jubelt überschwänglich und erklärt 'AJ' sogleich zum Maß der schweren Dinge. Joshua selbst hält sich zurück. Er weiß: Sein Erfolg gegen den mexikanischen Box-Klops macht ihn noch lange nicht zum unumstrittenen Meister aller Klassen.

Joshuas Promoter jubelte: "Du bist der König!"

Eddie Hearn war außer sich vor Freude. "Das war absolut meisterhaft. Das war wie Picasso, der ein Meisterstück auf die Leinwand malt", kommentierte der umtriebige Promoter Joshuas Triumph in Saudi-Arabien und holte aus: "Sie haben ihn abgeschrieben. Sie haben gesagt, er wäre nur Hype. Er musste nach einer Demütigung im Madison Square Garden zurückkommen. Jetzt ist er der Herrscher des Schwergewichts. Er ist der König." Dass Joshua daraufhin ein "No" einwarf, konnte 'Fast Eddie' nicht bremsen: "Doch, du bist der König!"

Joshua dürfte allerdings selbst am besten wissen, dass ihn der Sieg gegen den behäbigen Ruiz keineswegs zum Alpha-Männchen im Gehege der schweren Löwen macht. Gewiss: Er hatte sich an Ruiz für die demütigende K.o.-Pleite Anfang Juni revanchiert. Hatte getan, was zu tun war. Hatte aus der Distanz geboxt - klug, clever, klitschko-esk.

SAUDI ARABIA - DECEMBER 8, 2019: British boxer Anthony Joshua L and his American rival Andy Ruiz Jr struggle in their bout for the IBO, WBA Super, IBF and WBO World Heavy Titles at Diriyah Arena outside Riyadh. Valery Sharifulin/TASS PUBLICATIONxINxG
Anthony Joshua ließ Andy Ruiz bei der Revanche in Saudi-Arabien keine Chance
© imago images/ITAR-TASS, Valery Sharifulin via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Triumph in den Dünen kein Picasso

Weil Ruiz aber mit noch mehr Speck auf den Hüften ins Seilgeviert geklettert war als seinerzeit in New York und nach dem Dünen-Clash freimütig zugab, im Vorfeld wohl zu viel Party gemacht zu haben, ist Joshuas Saudi-Darbietung alles andere als ein magischer Faust-Picasso.

Eine sportliche Einordnung dessen, was sich im vergangenen halben Jahr im Schwergewicht abgespielt hat, hilft. Im Juni machten sich viele Beobachter – und womöglich auch das Joshua-Lager – über das Box-Dickerchen Ruiz lustig. Der Mexikaner war damals gar nicht als Herausforderer vorgesehen, bekam nur eine Chance, weil Joshuas eigentlicher Gegner Jarell Miller beim Dopen erwischt wurde.

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In New York agierte Joshua wie ein Anfänger

Dass Ruiz im Vergleich zu Miller ein boxerisches Upgrade darstellte, war wohl weder Joshua noch Hearn klar, der den Snickers-Fan verpflichtete. Bei seinem US-Debüt im Madison Square Garden agierte Joshua dann nicht wie ein Weltmeister, sondern wie ein Anfänger.

Nachdem er den mit einem Betonkopf ausgestatteten Ruiz in Runde 3 zu Boden geschickt hatte, wollte er mit aller Macht den K.o. erzwingen. Der Engländer stürzte sich in den Infight, wo ihm Ruiz zwei linke Haken verpasste, von denen sich Joshua nie mehr erholte.

Insgesamt viermal polierte der britische Box-Darling den Ringboden – T.K.o. in Runde 7. Statt mit einem klaren Sieg die USA zu erobern und ein mögliches Duell mit WBC-Champion Deontay Wilder anzuheizen, war Joshua seine WM-Titel los. Ein Waterloo.

Ruiz bleibt Champion-Beweis schuldig

Eben noch der lächerliche Faustkampf-Fettsack, bliesen nicht wenige Box-Blätter und Experten Ruiz plötzlich zum Top-Mann und Joshua-Nemesis auf. Der Stil des Mexikaners sei Gift für 'AJ', der direkte Rückkampf aus Sicht des Briten ein riesen Fehler, der nächste Knockout programmiert. Und. Und. Und.

Es bleibt dabei: Ruiz war und ist ein guter Boxer. Den Beweis, ein echter Champion zu sein, war der 30-Jährige aber trotz seines Sensationssiegs von New York noch schuldig. Bei der Revanche in Saudi-Arabien hätte er ihn erbringen müssen.

'AJ' die Nummer 1? Nein!

Stattdessen versagte Ruiz kläglich. Weil der selbsternannte 'Destroyer' in der Vorbereitung gesündigt und sich sieben Zusatz-Kilos angefressen hatte, tapste er in der Wüste bisweilen in Zeitlupentempo hinter dem agilen Joshua her. Der stieg freilich bestens präpariert zur Propaganda-Show des saudischen Königshauses in den Ring.

Fünf Kilo leichter als in New York, ging Joshua dieses Mal nicht die Luft auf. Auf flinken Beinen kreiste der 1,98-Meter-Adonis um Ruiz herum und deckte den zehn Zentimeter kleineren Titelverteidiger mit linken Führhänden ein. Kurzum: 'AJ' tat, was er schon in New York hätte tun sollen – auch wenn das versprochene Spektakel ausblieb und ein langweiliger Punktsieg in der Statistik steht. Doch macht dieser ihn jetzt wirklich zur Nummer 1 im Schwergewicht? Nein!

Wilder und Fury stehen der unumstrittenen Herrschaft im Weg

Vor Joshua rangieren sowohl WBC-Titelträger Wilder als auch der "lineare" Weltmeister Tyson Fury. Nur wenn Joshua diese beiden Top-Leute schlägt, ist er tatsächlich der 'Undisputed Champion' – der unumstrittene Meister aller Klassen.

Seine Chancen darauf stehen allerdings gar nicht mal so gut. Wilder (2,01 Meter) ist der brutalste K.o.-Schläger, den das Schwergewicht seit den Tagen Mike Tysons gesehen hat. Der 2,06-Meter-Riese Fury ist ein boxerisches Chamäleon und nur ganz schwer zu treffen. Fraglich, ob Joshua die boxerischen Mittel besitzt, um Fury zu knacken – Mittel, die einem Weltklasse-Boxer wie Wladimir Klitschko 2015 fehlten.

(in color trunks) Deontay Wilder goes 12 rounds with Tyson Fury at the Staple Center Saturday. The fight was draw between both fighters from the judges scoring . Los Angeles, CA. Dec 1,2018. . Wilder-vs-Fury-BOXING PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - Z
Tyson Fury (r.) und Deontay Wilder trennten sich im Dezember 2018 nach einem dramatischen Kampf unentschieden
© imago/ZUMA Press, Gene Blevins, imago sportfotodienst

Millionen fließen bei Joshua so oder so

Wenn Promoter Hearn schlau ist (und das ist er), hält er seinen Premium-Kämpfer von den Wilders und Furys dieser Welt fern. Einem Wilder-Volltreffer würde Joshua wohl nicht widerstehen. Bei einer boxerischen Demütigung des britischen Ring-Darlings durch Landsmann Fury wäre die Vorherrschaft im Vereinigten Fäustereich hin.

Warum also ein hohes Risiko eingehen, wenn die Millionen auch so fließen? Zwischen 60 und 70 Millionen Euro soll der Box-Superstar für die doch eher gemütliche 12-Runden-Schicht am Golf kassiert haben. 'An der Börse' ist Joshua seinen Rivalen um Längen voraus.

Aus einem Kampf um die unumstrittene Weltmeisterschaft dürfte so schnell nichts werden. Joshua deutete vorsorglich schon einmal ein drittes Duell mit Ruiz an. Zudem werden die Weltverbände WBO und IBF dem Engländer bald ihre Pflichtherausforderer vor die Nase setzen.

Anthony Joshua mag offiziell wieder Schwergewichts-Weltmeister sein – bis auf weiteres aber ist er ein Disputed Champion.