Viele Parallelen zu Klitschko

Mit "Häftlings-Mentalität" zurück auf den Box-Thron: Anthony Joshua im Porträt

Andy Ruiz Jr & Anthony Joshua public Work Outs
Andy Ruiz Jr & Anthony Joshua public Work Outs
© Action Images via Reuters, ANDREW COULDRIDGE, RC

06. Dezember 2019 - 16:41 Uhr

Klitschko-Bezwinger und Box-Darling: Das ist Anthony Joshua

Er beendete die Karriere von Wladimir Klitschko und galt als bester Schwergewichts-Boxer der Welt. Bis Anthony Joshua seine WM-Gürtel sensationell gegen "ein kleines, fettes Kind" namens Andy Ruiz jr. verlor. Am 7. Dezember kommt es in Saudi-Arabien zur Revanche. Für Joshua steht viel auf dem Spiel. RTL.de stellt den Mann vor, der zurück auf den Schwergewichts-Thron will. Spoiler: Die Parallelen zu Klitschko sind frappierend.

Epischer Kampf gegen Klitschko

"Boxen ist ein echter Kampf. Es ist nicht Tennis oder Golf. Es ist ein Sport für Gladiatoren. Entweder kämpfst du oder du gehst unter", sagt Anthony Joshua über das Faustwerk, das ihn von einem Jungen, der in London auf die schiefe Bahn zu geraten drohte, zum umjubelten Boxweltmeister und Superstar gemacht hat.

Kämpfen oder untergehen. Am 29. April 2017 entschied sich der Brite für Option 1. Damals, vor 90.000 elektrisierten Boxfans im Londoner Wembley-Stadion –, als ihn Wladimir Klitschkos 'Steelhammer' in der 6. Runde zu Boden streckte.

'AJ' rappelte sich auf, widerstand Klitschkos letztem Hurra im Ring und schickte den langjährigen Meister aller Klassen in Runde 11 in Box-Rente. Es war ein episches Generationen-Duell. Das junge Alpha-Tier hatte den alten Löwen aus seinem Revier verjagt. Joshua auf dem Box-Gipfel, die Welt lag ihm zu Füßen.

Bittere K.o.-Pleite gegen Ruiz

Fortan galt der Engländer als der legitime Klitschko-Nachfolger. Mit einem Punktsieg über den Neuseeländer Joseph Parker und einem K.o.-Erfolg gegen den starken Russen Alexander Povetkin untermauerte Joshua 2018 seinen Status als Nummer 1 der Königsklasse. Der K.o.-Spezialist hielt drei von vier Titeln der anerkannten Box-Weltverbände. Ein Duell mit WBC-Pendant Deontay Wilder schien nur noch eine Frage von Zeit und Geld – sehr, sehr viel Geld. Bis zum 1. Juni.

Gegen den 1:33-Außenseiter Andy Ruiz jr., dem "kleinen, fetten Kind" (so Ruiz über Ruiz) verlor Joshua nicht nur seine WM-Gürtel – er verlor seinen Nimbus. Technischer K.o. in Runde 7. Statt mit einem klaren Sieg seinen geplanten Eroberungsfeldzug in den USA einzuleiten, fand sich Joshua auf dem Hosenboden wieder.

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FILE PHOTO: Boxing - Anthony Joshua v Andy Ruiz Jr - WBA Super, IBF, WBO & IBO World Heavyweight Titles - Madison Square Garden, New York, United States - June 1, 2019   Andy Ruiz Jr in action with Anthony Joshua  Action Images via Reuters/Andrew Cou
Andy Ruiz jr. (r.) fügte Anthony Joshua die erste Niederlage als Profi zu
© Action Images via Reuters, Andrew Couldridge, /FW1F/Kenneth Ferris

Wüsten-Fight in Saudi-Arabien

Am 7. Dezember will der 30-Jährige zurück auf den Thron. 'Clash on the Dunes' – Kampf in den Dünen – haben die spitzfindigen Promoter die Revanche gegen Ruiz getauft. Dank prallgefüllter Geldkoffer eines arabischen Konsortiums findet der Kampf in Saudi-Arabien statt. Nahe der Hauptstadt Riad ist eigens eine Freilicht-Arena für Joshua-Ruiz 2 aus der Wüste gestampft worden.

Joshua kein Trash-Talker

"Wladimir Klitschko hat mir tonnenweise Tipps gegeben", verriet Joshua vor dem Wüsten-Clash dem 'Guardian'. Die Parallelen zu seinem Vorgänger als Schwergewichts-Champion sind bemerkenswert. Wie einst Klitschko muss es Joshua schaffen, nach einer schmerzhaften K.o.-Niederlage zurückzukommen. Wie Klitschko hält sich Joshua dabei in Sachen Trash-Talk und Marktschreierei vornehm zurück, gilt im Boxsport als Gentleman.

"Es ist gut, der zu sein, der man ist. Wenn man seinen Gegner nicht respektiert, respektiert man den Sport nicht. So sollte man sich gegenüber anderen Athleten nicht verhalten", sagte der (wie Klitschko) 1,98 Meter große Modelathlet vor gut einem Jahr dem Männermagazin 'GQ'. Es sind Sätze, die eins zu eins von Klitschko stammen könnten.

Joshua braucht 'klitschko-eske' Performance

Im Ring erinnert Joshuas Stil bisher meist an den des jungen, aggressiven Wladimir, der Anfang der 2000er Jahre durch den Ring fegte, ehe sich der Ukrainer nach schweren K.o.-Niederlagen unter Trainer-Ikone Emanuel Steward zum sicherheitsbetonten Box-Professor habilitierte. Eine solche Transformation vom Knockouter zum defensivbewussten Taktiker empfehlen viele jetzt auch Joshua.

"Anthony muss gegen Ruiz boxen wie gegen Parker", riet jüngst sein Trainer Robert McCracken. In der Tat: Gegen den damaligen WBO-Weltmeister hatte 'AJ' im März 2018 eine 'klitschko-eske' Vorstellung gezeigt. Mit seiner langen linken Führhand diktierte er wie einst 'Dr. Steelhammer' das Geschehen. Wurde es brenzlig, unterband Joshua durch Klammern den Schlagabtausch. Die Folge: Ein klarer Sieg auf den Punktzetteln.

'AJ' geht ins Box-Gefängnis

Für das zweite Ring-Duett mit dem Mexikaner Ruiz hat sich Joshua ein "Prison-Mindset" – eine Häftlings-Mentalität – verpasst. "Trainieren, fokussieren, schlafen. So muss man drauf sein", betont Joshua. Dem Ex-Champion ist zwar eine Börse von rund 54 Millionen Euro sicher (Ruiz kassiert gerade mal knapp zehn Millionen) – für Joshua geht es in der Wüste aber um mehr. Sein (Box-)Lebenswerk steht auf dem Spiel.

"Als ich mit dem Boxen angefangen habe, steckte ich in riesen Schwierigkeiten. Ich hatte einen Gerichtsprozess und betete: 'Gott, wenn du mir eine zweite Chance im Leben gibst, werde ich alles ändern.' Mit Ruiz ist es jetzt das gleiche. Eine zweite Chance im Leben. Dieser gebe ich mich voll hin. Ich sagte mir, dass ich mir eine Gefängnisstrafe von 15 Jahren Boxen verpasse, um diesen Fokus zu haben", beschrieb Joshua seine Vorbereitung.

Bewegende Jugend

Der Adonis mit dem charmanten Lächeln (das laut Promoter Eddie Hearn jede Frau zum Schmelzen bringt) war nicht immer der Sunnyboy und Box-Darling der Briten. Bandenkämpfe und "anderes verrücktes Zeug" hätten ihn mit 18 Jahren beinahe ins Kittchen gebracht, verriet 'AJ' 2015 in einem Interview. Zeitweise durfte er nur mit einer elektronischen Fußfessel außer Haus. Boxen half. Joshua konzentrierte sich auf den Sport, wurde als Amateur immer besser - und riss zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in London 2010 doch noch fast ein, was er sich dank Kraft seiner Fäuste aufgebaut hatte.

Weil ihn die Bobbies mit 200 Gramm Marihuana in der Sporttasche erwischten, wurde Joshua zu zwölf Monaten gemeinnütziger Arbeit verdonnert. Die Gras-Affäre war sein letzter Ausrutscher und seine letzte Bewährungschance. Er nutzte sie.

Porträt Anthony Joshua

Geburtstag 15. Oktober 1989
Geburtsort Watford/London
Nationalität Britisch
Wohnort Watford/London
Größe 1,98 Meter
Profidebüt 5. Oktober 2013 (Emanuele Leo/ITA - T.K.o.-Sieg)
Auslage Normal (Linksauslage)
Manager Eddie Hearn
Trainer  Robert McCracken
Kämpfe 23 - 22 Siege - 1 Niederlage (21 K.o.)
Stand: Dezember 2019

Kometenhafter Aufstieg nach Olympia-Gold

Menschlich geläutert und gefestigt, schwang sich Joshua zu Großbritanniens Box-Liebling auf. 2012 gewann er vor heimischer Kulisse Olympia-Gold im Superschwergewicht. Es war der Beginn eines kometenhaften Aufstiegs. 2013 wurde Joshua Profi, keine drei Jahre später – im erst 16. Kampf – IBF-Weltmeister. 2017 folgte das Wembley-Epos mit Klitschko. Seither ist Joshua auf der Insel ein Superstar, der locker jedes Stadion füllt und pro Kampf mindestens 15 Millionen Euro verdient.

Zum Image des netten Boxers passt, dass Joshua immer noch gerne zuhause bei Mama Yeta wohnt. Joshua ist seit Jahren Single, 2016 wurde bekannt, dass er einen vierjährigen Sohn namens Joseph hat. 'AJ' ist für 'JJ' da. Öffentlichen Zwist mit der Mutter, einer Lehrerin für Pole-Dance, gab es trotz Trennung nie. Seine Familie ist Joshua heilig, ebenso wie seine engen Freunde, die ihn bei seinen Kämpfen stets unterstützen.

"Ich habe viele Boxer kommen und gehen sehen, aber nur einer hatte das Potenzial, ein echter Champion zu sein", sagte Wladimir Klitschko, bevor er 2017 in Wembley Opfer seiner eigenen Prophezeiung wurde.

Am 7. Dezember muss Joshua in der saudischen Wüste gegen Ruiz beweisen, dass sein alter Widersacher Recht hatte. Sonst bleibt er womöglich als Kurzzeit-Champion und unvollkommener Klitschko-Erbe in Erinnerung.