Finale in "Champions League des Boxens"

Faustkampf-Finale um die Ali-Trophy: Briedis trifft auf Dorticos

Briedis vs Dorticos
© Imago Sportfotodienst

24. September 2020 - 19:17 Uhr

Von Martin Armbruster

Von der deutschen Sport-Öffentlichkeit (noch) weitgehend unbemerkt, findet am Samstag in München einer der größten Boxkämpfe statt, die das Corona-Jahr 2020 zu bieten hat: das Finale der "World Boxing Super Series". Vor leeren Rängen treffen in den Plazamedia Studios die Cruisergewichtler Mairis Briedis (Lettland) und Yuniel Dorticos (Kuba) aufeinander. Es geht um die Krone im Limit über 200 Pfund – und die prestigeträchtige Muhammad-Ali-Trophy. Der legendäre Namenspatron soll dem Abend einen besonderen Glanz verleihen.

Irre Weltmeister-Inflation im Boxen

Dass es im Preisboxen pro Gewichtsklasse mehrere Weltmeister gibt, ist an sich ja schon absurd genug. Weil die (anerkannten) Weltverbände WBA, WBC, WBO und IBF neben ihren handelsüblichen WM-Gürteln seit geraumer Zeit aber auch noch Mickey-Mouse-Titel wie "Global Champion", "Franchise Champion", "regulärer Champion" oder "Interims-Champion" vergeben, zählt man in den 16 Klassen des Faustkampfs zurzeit stolze 79 Titelträger (Achtung: diese Zahl ist ohne Gewähr).

Umsonst ist diese Inflation natürlich nicht, denn bei jedem "WM"-Fight kassieren die Drei-Lettern-Organisationen eine Titel-Gebühr – das finanzielle Rückgrat der geschäftstüchtigen Verbände.

World Boxing Super Series will die besten Kämpfe liefern

Aufgrund des Titel-Mikados kämpfen die besten Boxer oft genug gar nicht oder viel zu spät gegeneinander. Stattdessen begnügen sie sich damit, ihre glitzernden Gürtel gegen "einfachere" Kundschaft zu verteidigen.

Ein Grund, warum Kalle Sauerland 2017 die "World Boxing Super Series" (WBSS) ins Leben rief. "Die WBSS ist die Champions League des Boxens", sagt der Sohn von Promoter-Legende Wilfried Sauerland im Gespräch mit RTL/ntv. "Das Ziel ist, die Besten einer Gewichtsklasse durch ein Turnierformat herauszufinden." Acht Boxer. Viertelfinale, Halbfinale, Finale – der Sieger bekommt zehn Millionen Dollar und die Muhammad-Ali-Trophy.

Dass die 2016 gestorbene Box-Ikone als Namenspatron fungiert, passt durchaus. Schließlich duldete der "Größte" neben sich auch keine anderen Thron-Beansprucher.

Kalle Sauerland, OCTOBER 7, 2018 - Boxing : Promoter Kalle Sauerland talks during a press conference PK Pressekonferenz after the WBA bantamweight title bout, Quarter-finals of the World Boxing Super Series - Bantamweight tournament, at Yokohama Aren
Kalle Sauerland rief 2017 die World Boxing Super Series ins Leben
© imago/AFLOSPORT, Hiroaki Yamaguchi, imago sportfotodienst

Format bisher ein großer Erfolg

Bisher lieferte das Format, was es verspricht. Der Ukrainer Oleksandr Usyk räumte 2017/18 im Cruisergewicht (bis 90,2 kg) auf, sahnte gar alle vier Titel der großen Verbände ab. Elf Klassen tiefer krönte sich 2018/19 Naoya Inoue aus Japan zum König des Bantamgewichts (bis 53,5 Kilogramm). Spektakel gab's ordentlich: Inoues Finalsieg über den Filipino Nonito Donaire kürten die Instanzen von "The Ring", ESPN und "Boxing News" zum Kampf des Jahres.

Für die 2. Staffel nahmen die WBSS-Macher neben dem Halbwelter- auch wieder das Cruisergewicht ins Programm. Box-Zar Usyk hatte nach seinem Eroberungsfeldzug den Thron freiwillig geräumt, um im Schwergewicht nach Höherem zu streben. Gesucht wird ein neuer König.

Erinnerung an Muhammad Ali soll Kampfabend prägen

Das Finale des Cruiser-Turniers hätte eigentlich schon vor Monaten stattfinden sollen – Corona machte den Organisatoren allerdings einen Strich durch die Rechnung. Showtime ist jetzt am Samstag in München. In den Plazamedia Studios kämpfen der Lette Mairis Briedis und Yuniel Dorticos aus Kuba um den goldenen Ali-Pokal. Wegen der Covid-19-Gefahr findet das Duell vor leeren Rängen statt.

Den Schauplatz haben die Veranstalter laut Chefpromoter Sauerland bewusst ausgesucht. "Wir haben extra die Plazamedia Studios gewählt. Das sind eigentlich die besten Studios in Europa, wo man die beste Technik hat, um auch ohne Zuschauer einen Kampf zu liefern, der immer noch Spitzenqualität hat." Außerdem habe "unser einzigartiger Botschafter Muhammad Ali" 1976 ja auch mal in München um die WM geboxt (gegen einen gewissen Richard Dunn).

"Ali wird einen großen Einfluss auf den Abend haben", kündigt Sauerland an. Mehr will er nicht verraten. "Das soll eine Überraschung sein."

Mairis Briedis und Yuniel Dorticos kämpfen in München um die Muhammad-Ali-Trophy
Mairis Briedis und Yuniel Dorticos kämpfen in München um die Muhammad-Ali-Trophy
© Comosa AG

Sauerland erwartet "Feuerwerk"

Mit Blick auf das Sportliche reibt sich Sauerland – ebenso wie die Box-Fans - die Hände. "Briedis und Dorticos sind zwar auch technisch gut, ihre Stärke ist aber die Attacke. Da weiß man, dass es richtig zur Sache gehen wird. Wir erwarten ein Feuerwerk in München", frohlockt der 43-Jährige.

Die Kampf-Bilanz der Final-Rivalen untermauert die Feuerwerks-Hoffnungen. Briedis hat 19 seiner 27 Profikämpfe durch K.o. gewonnen, Dorticos – Kampfname "K.o. Doctor" – beendete seine Faust-Sprechstunde bisher in 22 von 25 Fällen vor dem letzten Gong.

Schon in Staffel 1 hatten Briedis und Dorticos Witterung nach der Ali Trophy aufgenommen. Der Lette scheiterte im Halbfinale vor heimischem Publikum in Riga nach Punkten hauchdünn an Ausnahmekönner Usyk. Dorticos blieb in der Runde der besten Vier in einer spektakulären Ringschlacht mit dem Russen Murat Gassiev auf der Strecke – Technischer K.o. in Runde 12.

Briedis schlug schon Charr und Huck

Den Box-Fans hierzulande ist vor allem Briedis ein Begriff. 2015 schickte der Polizist aus der lettischen Hauptstadt Mahmoud Charr mit einem lehrbuchreifen rechten Aufwärtshaken ins Märchenland. Von Briedis' Faust getroffen, stürzte der "Koloss von Köln" ein wie ein gesprengtes Gebäude. Zwei Jahre später vermöbelte Briedis in Dortmund den langjährigen Weltmeister Marco Huck über zwölf Runden, beendete dessen Titel-Ambitionen im Cruisergewicht.

Im bisherigen Turnierverlauf überzeugte der 35-Jährige aber nicht unbedingt. Sein Viertelfinale gegen den Deutschen Noel Mikaelian gewann Briedis 2018 in Chicago nur dank wohlwollender Punktrichter. Im Halbfinale schlug er in Riga den Polen Krzysztof Glowacki zwar durch Technischen K.o. in Runde 3 – dem Abbruch war aber ein böser Ellbogen-Check des Lokalhelden vorausgegangen, der Glowacki den Kiefer brach.

Dorticos löste seine Aufgaben besser. 2018 bezwang der 34-Jährige den Polen Mateusz Masternak (Polen) in Orlando einstimmig nach Punkten. Ein Jahr später wurde der "K.o. Doctor" aus Havanna seinem Kampfnamen gerecht und entband US-Boy Andrew Tabiti in der Zehnten seiner Sinne.

DORTMUND, GERMANY - APRIL 01:  Marco Huck (L) of Germany and Mairis Briedis of Latvia exchange punches during their WBC Cruiserweight World Championship title fight at Westfalenhalle on April 1, 2017 in Dortmund, Germany.  (Photo by Martin Rose/Bonga
Mairis Briedis ließ Marco Huck (l.) am 1. April 2017 keine Chance
© Bongarts/Getty Images, Bongarts, mr

Nummer 1 gegen 2

Einen Favoriten auszumachen ist vor dem Finale schwer – auch wegen der langen (Corona-)Pause (Briedis und Dorticos kämpften zuletzt im Juni 2019). Klar ist aber: In München steigen Samstagabend die derzeit besten Cruisergewichtler in den Ring. Die Box-Bibel "The Ring" führt Briedis in ihrer unabhängigen Rangliste an Platz 1, Dorticos ist Zweiter. Nummer 1 gegen 2 – so wie es sein muss.

Ach so: Ein Verbandstitel steht auch auf dem Spiel. Dorticos trägt den Gürtel der IBF. Sonderlich wichtig ist das nicht – eine richtige Weltmeisterschaft braucht nicht zwingend drei Buchstaben.