7. April 1992

Der Tag, an dem Uwe Kamps 4 Elfmeter hielt

Uwe Kamps hielt 1992 im Pokal-Halbfinale vier Elfmeter
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07. April 2020 - 17:09 Uhr

Uwe Kamps wird zum Helden

Heute vor 28 Jahren hielt Uwe Kamps im Pokal-Halbfinale von Borussia Mönchengladbach gegen Bayer Leverkusen sagenhafte vier Elfmeter. Unser Reporter war damals mittendrin. Aber wo war Kamps? Die Geschichte eines riesigen Gewusels.

Von Reinhard Brings

Mein Kamerateam und ich stehen direkt hinter dem Tor, etwas rechts von der Mitte. Uwe Kamps schreitet zur Torlinie. Ich kann ihm in die Augen schauen, so nah sind wir am Geschehen dran. Hinter uns die brodelnde Gladbacher Nordkurve. 

"Uwe, Uwe!", dröhnt es aus den Kehlen der Borussen-Fans. Dann folgt ein gellendes Pfeifkonzert, um den Leverkusener Schützen zu verunsichern. Martin Kree, der üblicherweise mit Gewalt gegen den Ball drischt, muss verwandeln, sonst ist Leverkusen draußen.

Statt mit Wucht versucht es der Linksfuß diesmal mit Gefühl. Kamps hat es geahnt, fliegt in die richtige Ecke und hält seinen vierten Elfmeter. Ein Jubel-Orkan geht los, der Bökelberg bebt.

Uerdingen? Wir müssen nach Gladbach

An diesem 7. April 1992 hatte ich den Auftrag, nach Gladbach zu fahren, um dort nach dem Spiel Stimmen zu sammeln. Ich war Jung-Reporter, seit vier Monaten im TV-Geschäft. Auf der Fahrt nach Mönchengladbach las ich mir meine Unterlagen zum Spiel durch. Als ich nach einer Weile aufblickte, wunderte ich mich, wo wir waren.

Unser Kameramann Jonas, der das Auto steuerte, war nach Uerdingen gefahren. Uerdingen, damals noch Bundesligist, war allerdings schon im Achtelfinale bei Hannover rausgeflogen. Gut, dass wir rechtzeitig losgefahren waren. Wir kamen noch pünktlich am Bökelberg an.

Das Reporter-Leben war damals anders

Die Arbeitsbedingungen für Reporter waren 1992 im Vergleich zu heute paradiesisch. Wir konnten uns als Kamerateam im Stadion frei bewegen und durften die Spieler interviewen, wenn sie nach dem Schlusspfiff vom Spielfeld kamen. Einzige Vorgabe war, dass wir die Arbeit des übertragenden Senders nicht behindern durften.

Die Kamps-Show

Zum Spiel: Nach dem 0:1 von Ulf Kirsten (51.) machte Thomas Kastenmeier mit einem Klasse-Freistoß das 1:1 (60.). In der Verlängerung brachte Hans-Jörg Criens Mönchengladbach mit dem 2:1 (95.) auf die Siegerstraße, doch Andreas Thom gelang mit dem Schlußpfiff das 2:2. Das Momentum war auf Leverkusener Seite, als das unvergessene Elfmeterschießen begann.

Es begann mit dem 1:0 durch Martin Max (Gladbach) normal, doch dann began die Kamps-Show. In der Reihenfolge: Kamps hält gegen Jorginho (LEV), Horst Steffen (MG) verschießt, Kamps hält gegen Heiko Herrlich (LEV), Jörg Neun (MG) schießt vorbei, Kamps hält gegen Ioan Lupescu (LEV), Holger Fach (MG) verwandelt zum 2:0, Kamps hält gegen Martin Kree (LEV). "Das war alles Intuition und auch ein bisschen Glück", sagte der Gladbach-Keeper hinterher.

Ein riesiges Gewusel auf dem Feld

Als Kamps den vierten und damit entscheidenden Elfmeter gehalten hatte, flippte der Bökelberg aus. Die Fans kletterten über die Fangzäune und fluteten das Spielfeld. Wir stürmten auch sofort auf den Rasen, um auf Stimmenfang zu gehen. Nicht sofort zu Kamps, dachten wir uns. Er war schon eingekesselt von Fans.

Also schnappten wir uns die Leverkusener, die tief enttäuscht auf dem Rasen lagen oder hockten. Andreas Thom war fertig mit sich und der Welt, er starrte nur auf das gelbe RTL-Mikro. Viel rauszukriegen war aus ihm nicht. Wer redet schon gerne, wenn gerade ein Traum geplatzt ist?

Nun aber ran an die Gladbacher. Das Getümmel auf dem Spielfeld wurde immer unübersichtlicher, Menschentrauben bildeten sich, in denen irgendwo ein Gladbacher Held versteckt war.

Irgendwo war dann auch ZDF-Kollege Rolf Töpperwien, der auf der Suche nach Kamps nicht nur zwischenzeitlich seinen Kameramann aus den Augen verlor, sondern später auch den Verlust seines Portemonnaies beklagte. Angeblicher Inhalt: rund 1.300 Mark. Von solch einer dicken Geldbörse konnte ich als Volontär, der ich damals war, nur träumen.

Plötzlich mitten in der Kabine

Weiter ging die Suche nach Uwe Kamps. Wieder eine Menschentraube, wir kämpften uns hinein und entdeckten den überglücklichen Criens. Der Gladbacher Kult-Stürmer schaffte es im Getümmel irgendwie, unsere Fragen zu beantworten.

Doch wo war Kamps? Vielleicht war er ja schon in der Kabine. Wir schlängelten uns durch die vielen Menschen vorbei Richtung Wellblechtunnel. Die Ordner ließen uns passieren. Ich wandte mich an einen Sicherheitsmann: "Wir sind von RTL und brauchen unbedingt ein Interview mit Uwe Kamps. Können Sie uns vielleicht sagen, ob er vielleicht schon in der Kabine ist?" Im niederrheinischen Tonfall meinte er: "Warte Jung, ich guck mal, wat ich für Dich tun kann."

Nur wenige Augenblicke später winkte er uns heran: "Geht ruhig rein in die Kabine, der Uwe sitzt da." Wir konnten unser Glück kaum fassen. Wir kamen in die Kabine, und da saßen die seligen Borussen. "Uwe, können wir Sie kurz sprechen für RTL?" Der Elfmeter-Held sprang auf: "Na klar!" - kurz danach hatten wir unser Interview im Kasten.

Im folgenden Pokalendspiel 1992 erlebte Borussia Mönchengladbach eine seiner schlimmsten Pleiten der Vereinsgeschichte. Der Bundesligist unterlag dem Zweitligisten Hannover 96 – im Elfmeterschießen.