Bootsflüchtlinge unterwegs nach Italien: "Was sollen wir denn machen?"

Mittelmeer: Italienische Marine nähert sich einem Flüchtlingsboot.
Mittelmeer: Italienische Marine nähert sich einem Flüchtlingsboot.
© dpa, Hand

11. Februar 2015 - 14:01 Uhr

RTL-Reporter Udo Gümpel berichtet aus Italien

"Mare Nostrum" (unser Meer) - so hat die italienische Kriegsmarine den massiven Einsatz ihrer Schiffe im Meer zwischen Nordafrika und Süditalien benannt, mit nur einem einzigen Auftrag: "Die Bootsflüchtlinge aus der Seenot zu retten", wie Marineoffizier Alessandro Busonero uns erklärt. Das ist ein wichtiger Punkt: Unter Silvio Berlusconi hatte Italiens Regierung noch bis vor zwei Jahren eine ganz andere Richtlinie an die Marine ausgegeben: "Auf offenem Meer zurückweisen."

So spät wie möglich sollte die Marine den Flüchtlingsbooten zu Hilfe kommen, wenn es ginge. So wollte es vor allem die stark ausländerfeindliche Liga Nord, man solle die Boote gar in Grund und Boden versenken, wie es Liga-Nord-Politiker ganz offen forderten. Erst die Katastrophe vom 3. Oktober 2013, als über 300 Flüchtlinge auf einem Schiff direkt vor der Insel Lampedusa ertranken, änderte die Haltung der Regierung. "Egal wie man zu den Beweggründen der Flüchtlinge steht, ob es nun politisch Verfolgte sind oder nur Menschen, die aus totaler Armut fliehen, man kann sie doch nicht vor unseren Augen ertrinken lassen", meinte der Fischer aus Lampedusa, Peppino del Voglio.

Auch Papst Franziskus drängte die italienische Regierung dazu, ihre harte Haltung aufzugeben, "Herz zu zeigen". So ging die erste Reise von Papst Franziskus auch direkt nach Lampedusa, um sich bei den Lampedusanern für die uneigennützige Hilfe zu bedanken. Heute werden die Flüchtlinge nicht mehr nach Lampedusa gebracht, sondern direkt nach Sizilien, in die Häfen von Augusta, Catania, Porto Empedocle, Agrigento.

Der Flüchtlingsstrom wird nicht abreißen

Seitdem haben die italienische Kriegsmarine, die Finanzwache und die Küstenwacht ihre Schiffe weit ins Mittelmeer vorverlegt, um die Flüchtlingsboote rechtzeitig abschleppen zu können. Im Gegenzug hat dies aber auch wie ein Magnet auf die Flüchtlingsströme gewirkt. Während in der Vergangenheit wohl mindestens 4.000 Flüchtlinge mit den kaum seetüchtigen Booten untergegangen und ertrunken sind, ist das Risiko heute deutlich geringer.

Anstatt 180 Kilometer auf offener See müssen die Boote heute nur noch 50 km schaffen, dann ist die Marine zur Hilfe gekommen. Das zeigte sich jetzt auch bei der letzten Bootswelle, die über 3.000 Personen nach Italien spülte, seit Anfang des Jahres fast 20.000 Flüchtlinge. Noch mit den Handys an Bord in Nähe der lybischen oder tunesischen Küste, riefen die Flüchtlinge die Seenotrufnummern in Italien an und wurden dann nach Europa geschleppt. Die Preise für die Überfahrten sind gesunken, die kriminellen Schlepperbanden, die noch vor zwei Jahren 2.000 Dollar pro Platz auf dem Seelenverkäufer verlangten, begnügen sich heute mit der Hälfte.

Dank der nahen Marina Militare ist die Überfahrt fast risikolos geworden, ein goldenes Geschäft für die Schlepper. Im Marineministerium in Rom weiß man das, aber die Regierung will "Bilder wie die Bergung von hunderten von Leichen aus dem Mittelmeer" nicht mehr sehen, wie ein Beamter es offen erklärte. Das ist das Dilemma, im dem Italien nun steckt, und mit ihm ganz Europa.

Denn die Flüchtlinge wollen nach ihrer Aufnahme natürlich nicht in Italien bleiben, sie wissen ganz genau, dass es hier keine Arbeit gibt. Nach der Zeit in den Auffanglagern geht die Flucht dann weiter, nach Frankreich, Belgien, Deutschland – die beliebtesten Ziele der Afrikaner. Auf eine Anerkennung aus politisch Verfolgte können nur die Bootsflüchtlinge aus Syrien hoffen, die ja nun wirklich dem Terror entkommen sind.

Die Afrikaner aber sind meist Wirtschaftsflüchtlinge. Das italienische Innenministerium schätzt, dass nun schon 600.000 Personen in Afrika auf dem Weg an die Küste sind, um nach Italien überzusetzen. Sobald das Meer ruhig ist, fahren sie los. Dank der schnellen Hilfe braucht es auch gar nicht mehr große Boote, bald reicht ein Schlauchboot. "Aber was sollen wir denn machen?", fragt sich ein weiblicher Unterleutnant der Marine. "Wir können sie ja nicht absaufen lassen, es sind Menschen wie wir, auf See wird jeder Mensch gerettet der in Seenot ist." Das ist menschlich geboten, aber politisch ein Riesenproblem. Ein Problem für ganz Europa.

In Libyen, aus dessen Häfen die meisten Boote abfahren, gibt es keinen Staat mehr, mit dem man gemeinsam die Küsten kontrollieren, die Abfahrt der Boote verhindern könnte. Also wird der Flüchtlingsstrom nicht abreißen.