"In so einem Augenblick funktioniert man nur noch"

Bluttat von Volkmarsen: Apotheker versorgte die Verletzten, bevor die Ärzte eintrafen

25. Februar 2020 - 23:40 Uhr

Aus unbeschwerter Karnevals-Fröhlichkeit wurde ein Bild des Grauens

Wenn Gunther Böttrich spricht, wirkt er ruhig, sein Blick ist klar. Äußerlich ist ihm nicht anzumerken, was am Vortag direkt vor seiner Apotheke in Volkmarsen passierte. Wie jeden Rosenmontag schaute der Apotheker mit seinem Team den Karnevalszug an, der direkt vor seinem Ladenlokal vorbeiführte. Plötzlich raste Maurice P. aus noch ungeklärter Ursache mit einem Mercedes Kombi in die Menschen. 52 Menschen wurden verletzt, darunter viele Kinder. Von einem Moment auf den anderen wurde aus unbeschwerter Karnevals-Fröhlichkeit ein Bild des Grauens. Böttrich und seine Mitarbeiter standen unter Schock, doch sie bewiesen echte Zivilcourage und schafften es, aus der Apotheke eine Anlaufstelle für Notärzte und Verletzte zu machen. Wie die Helden aus der Apotheke den Einsatz erlebt haben und die Erstversorgung in dem Chaos organisierten, zeigen wir im Video.

Eine Anlaufstelle in der Kälte

Eigentlich hat die Burg Apotheke in Volkmarsen für die Dauer des Umzugs geschlossen. Doch nach dem Anschlag war für Böttrich klar, dass er sofort handeln muss. "Man muss den Menschen, die unter Schock stehen, eine Anlaufstelle bieten, dass sie nicht in der Kälte stehen müssen", sagt der Apotheker. Er öffnete sein Ladenlokal, räumte Schaufenster frei und Dekoration beisete, um Platz für Verletzte und Angehörige zu schaffen. Zusammen mit seinem Team holte er Stühle, Decken und Schaumstoffmatten für die Opfer.

Er sah Menschen, die schrecklich zugerichtet waren - ein behandelnder Notarzt sagte später, er habe alle Verletzungen gesehen, die man sich bei einem Unfallszenario vorstellen kann. "Die Menschen, die noch laufen konnten, kamen in die Apotheke. Teilweise wurden auch liegende Menschen zur weiteren Versorgung durch die Notärzte hierhergebracht", so Böttrich. "Es war sehr voll und sehr chaotisch und trotzdem sehr strukturiert durch die Rettungsdienste und durch unser Team." Die Mitarbeiter der Burg Apotheke halfen dabei, die Schwere der Verletzungen einzuschätzen und die Notärzte zu denjenigen zu schicken, die am schnellsten Hilfe benötigten. "In so einem Augenblick funktioniert man nur, da ist nicht viel Zeit zum Nachdenken", so Böttrich.

Augenzeuge im Video: "Die Mütter haben geschrien"

52 Verletzte, darunter 18 Kinder bei Anschlag auf Karnevalsumzug

Police forensic officers work at the scene after a car ploughed into a carnival parade injuring several people in Volkmarsen, Germany February 24, 2020. REUTERS/Thilo Schmuelgen
Maurice P. raste mit einem Mercedes ungebremst in eine feiernde Menschenmenge.
© REUTERS, THILO SCHMUELGEN, DAM/MAR

Der mutmaßliche Täter, Maurice P., wurde bei dem Vorfall mit 52 Verletzten ebenfalls verletzt. Er sei vorläufig festgenommen worden, so die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Das Motiv des 29 Jahre alten deutschen Staatsbürgers, der aus Volkmarsen kommt, ist noch unklar. Er sei zum Tatzeitpunkt nicht alkoholisiert gewesen. Ob er unter Drogeneinfluss gestanden habe, stehe noch nicht fest, sagte ein Sprecher. Bislang sei der Mann nicht vernehmungsfähig.