Nicht alles Gold, was glänzt

Neuner-Kritik an Olympia: "Irgendwie bist du auch eine Marionette"

Magdalena Neuner
© dpa, Peter Kneffel

10. Februar 2020 - 7:49 Uhr

Funktionäre in erster, Eltern in letzter Reihe

Einmal bei den Olympischen Spielen dabei sein und eine Medaille gewinnen - der ultimative Sportlertraum. Warum aber die von Olympia-Funktionären durchchoreografierte Realität manchmal gar nicht so schön ist, wie der Traum selbst, hat Biathlon-Legende Magdalena Neuner an einem eindringlichen Beispiel beschrieben.

"Möchte ich das wirklich noch einmal erleben?"

Olympia 2010 in Vancouver. Biathlon-Sprint. Magdalena Neuner gewinnt Gold - und ist auf dem Gipfel ihrer ohnehin sagenhaften Karriere. Und doch verbindet Neuner den goldenen Moment vor zehn Jahren auch mit einer Erfahrung, "die mich menschlich enttäuscht hat", wie die 33-Jährige verriet.

Ihre Eltern so, Neuner, hätten bei der Siegerehrung, "ganz hinten draußen" gestanden, "weil sie nicht reindurften. Und unsere Funktionäre standen in der ersten Reihe. Das sind halt alles kleine Puzzleteile, die am Ende dazu führen, dass du dir Gedanken machst: Möchte ich das wirklich noch einmal erleben?"

Im Endeffekt sei man bei den Spielen "irgendwie auch eine Marionette, die funktionieren muss. Als ich in meiner Kindheit Olympia angeschaut habe, dachte ich, das muss toll sein, wenn man da dabei ist."

Neuner hat "keine Macht mehr über mich selbst"

Die Realität sei aber nicht nur goldig. Zwar seien die Winterspiele für sie "super schön" und "emotional" gewesen, aber auch "extrem anstregend und ernüchternd". Denn der Olympia-Hype um ihre Person war für die damals 23-Jährige "noch mal eine ganz andere Nummer" als etwa ihr Titel-Triple bei der WM in Antholz vor 13 Jahren.

"Ich hatte das Gefühl, ich habe überhaupt keine Macht mehr über mich selbst", sagte Neuner. Auch im deutschen Team sei die Stimmung damals nicht so dolle gewesen.

"Es gab auch so ein paar Situationen in der Mannschaft, ein paar Unstimmigkeiten. Im Endeffekt sind die Medaillen ausgeblieben im deutschen Team. Die Mädels waren nicht so erfolgreich, wie sie es sich alle erhofft hatten. Ich habe einfach gemerkt, dass die Stimmung total gekippt ist im Team. Alle waren super enttäuscht und ich kam rein mit meiner Goldmedaille - es war nicht einfach. Ich war froh, dass meine Eltern vor Ort waren", erinnert sich Neuner.

Rücktritt mit nur 25

Ihre Karriere habe ihr dennoch "wirklich bis zum letzten Tag Spaß gemacht", betonte Neuner. "Aber nach den Olympischen Spielen 2010 habe ich gemerkt: Jetzt hat sich irgendwas verändert, irgendwas ist passiert."

Deutschlands Biathlon-Star fiel in ein Motivationsloch und setzte sich ein letztes Ziel. Die Weltmeisterschaft 2012 in Ruhpolding. Dort gewann sie zweimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze und trat als zwölfmalige Weltmeisterin zurück - mit nur 25 Jahren.