Rentner klagt an

„Wegen Sterbehilfegesetz muss ich an einer Krankheit ersticken“

17. April 2019 - 11:35 Uhr

Von Qualen erlösen

Wenn es richtig schlimm wird, dann hat er Angst zu ersticken. Helmut Feldmann leidet unter COPD, einer Lungenkrankheit. Schon seine Schwester war im Alter von 70 Jahren qualvoll daran gestorben. So wird es auch ihm ergehen - wenn seine Tochter ihm nicht hilft zu sterben. Schuld daran ist das Sterbehilfegesetz, das deutschen Ärzten verbietet, Patienten von ihren Qualen zu erlösen. Jetzt prüft das Bundesverfassungsgericht sechs Klagen gegen diese Regelung.

„Zuletzt konnte sie nicht mal mehr sprechen“

16.04.2019, Baden-Württemberg, Karlsruhe: Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes, Sibylle Kessal-Wulf (l-r), Vorsitzender Andreas Voßkuhle, Peter Huber, Johannes Masing und Ulrich Maidowski, eröffnet die mündliche Verhandlung zum Sterbehilfe
Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes, Sibylle Kessal-Wulf Vorsitzender Andreas Voßkuhle, Peter Huber, Johannes Masing und Ulrich Maidowski (von links), eröffnet die mündliche Verhandlung zum Sterbehilfe
© dpa, Uli Deck, ude gfh

Schon vor Jahren hat sich Helmut Feldmann mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt. Er hatte seine Schwester langsam verenden sehen, an der gleichen Erbkrankheit, die auch er selbst hat. Damals wurde ihm klar: So würde er nicht von der Welt gehen. "Sie hat zwei Jahre im Bett gelegen, konnte zuletzt gar nicht mehr sprechen, weil das Atemvolumen nicht mehr vorhanden war", erinnert er sich. Warum er sich dafür einsetzt, selbst über seinen Tod zu entscheiden, sehen Sie im Video

Feldmann trat in die Deutsche Sterbehilfe ein, unterzog sich einigen Untersuchungen und bekam dann "Grünes Licht". "Ich hätte schon vor sechs Jahren sterben können, wenn ich das gewollt hätte. Aber ich lebe gerne." Die Option, gehen zu können, wenn er keine Lust mehr am Leben habe, gab ihm ein gutes Gefühl. "Wenn ich keine Spaziergänge mehr machen könnte. Wenn ich hier mit Sauerstoff in der Wohnung sitzen müsste und nicht mehr raus könnte, dann wäre für mich der Punkt erreicht zu sagen, jetzt will ich nicht mehr."

Bis zu drei Jahre Haft für „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“

ARCHIV - Eine Kunsttherapeutin zeichnet am 09.09.2014 im Hospiz St. Martin in Stuttgart (Baden-Württemberg) gemeinsam mit Frau K. an ihrem Krankenbett. Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Zu lsw Meldung: "Hospiz" vom 11.11.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Das Thema Sterbehilfe bleibt in Deutschland umstritten.
© dpa, Sebastian Kahnert

Das Sterbehilfegesetz hat ihm diese Sicherheit genommen. Denn seit Ende 2015 steht die Suizidhilfe als Dienstleistung unter Strafe. Seitdem dürfen weder Organisationen noch Ärzte Medikamente verabreichen, die ein sanftes Einschlafen bewirken. Laut Paragraf 217 ist die "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" untersagt und wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet.

Explizit strafbar macht sich nur jemand, der die Sterbehilfe regelmäßig durchführt - also als Geschäftsmodell betreibt. Verwandte oder Bekannte, die einem Angehörigen Sterbehilfe leisten, können nicht belangt werden. Doch genau das will Helmut Feldmann seiner Tochter ersparen. "Meine Tochter holt mir das Mittel, sie verlässt die Wohnung, ich trinke es und dann sterbe ich. So würde das laufen. Ich habe Angst, dass sie sich später Vorwürfe macht", sagt der Schwerkranke.

Verfügbar wäre das Todesmittel in diesem Fall nur im Ausland. Dort könnte es seine Tochter für ihn abholen. Denn die Einführung nach Deutschland ist nicht illegal. Wer das tödliche Medikament haben möchte, kann es sich etwa in der Schweiz oder den Niederlanden besorgen und sich selbst verabreichen.

Sein Wunsch: Unabhängigkeit von der Krankheit

Weil das nicht Sinn des 2015 verabschiedeten Gesetzes ist, wird über den Begriff der "Geschäftsmäßigkeit" jetzt wieder diskutiert. "Ich bin erfreut, dass diese Thematik verhandelt wird. Ich bin erfreut, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit dieser Thematik beschäftigt", freut sich Helmut Feldmann. Für ihn wäre eine Lockerung des Gesetzes ein Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeit von einer Krankheit, die den Rentner so oder so das Leben kosten wird. Das Bundesverfassungsgericht hat nun in der Hand, ob er die Welt unter Schmerzen oder in Frieden verlassen darf.