Betonzusatz macht es möglich: Pflastersteine sorgen für saubere Luft

09. September 2015 - 11:07 Uhr

Von Johanna Grewer

Pflastersteine filtern Abgase aus der Luft – was wie eine verrückte Zukunftsvision klingt, hat eine Firma aus Essen bereits umgesetzt. Die 'Steag GmbH' benutzt einen speziellen Betonzusatzstoff, um aus gewöhnlichem Straßenbelag eine umweltfreundliche Alternative zu machen. In Bottrop werden die neuen Steine bereits getestet. Der neuartige Straßenbelag sieht aus wie ein gewöhnliches Betonpflaster, aber er soll die Luftqualität in vielbefahrenen Städten verbessern.

Pflastersteine reinigen die Luft von Abgasen
Spezielle Pflastersteine sorgen für saubere Luft, indem sie Abgase unschädlich machen. Motivbild
© dpa, A3602 Frank Rumpenhorst

Wie genau funktioniert das? Ein bestimmter Betonzusatzstoff sorgt dafür, dass das in Abgasen enthaltene Stickstoffdioxid aus der Luft herausgefiltert wird, wie Andreas Lehmann von der Herstellerfirma erklärt. Der Vorgang nennt sich Photokatalyse. Unter Lichteinfluss wird der Stoff, der den neuen Steinen zugesetzt wurde, aktiv und wandelt Stickstoffdioxid in Nitrat um. Dieses werde dann mit dem Regen ins Grundwasser gespült, erklärt Lehmann.

Stickstoffdioxid ist für viele Städte in Deutschland ein großes Problem. In mehr als 30 Kommunen wird der von der EU festgelegte Grenzwert für den Schadstoff (40 Mikrogramm pro Kubikmeter) regelmäßig überschritten. Darunter sind vor allem Großstädte wie Berlin, Köln, München oder Stuttgart. Noch im Juli hatte die EU-Kommission Deutschland dafür gerügt. Die Bundesregierung rechnete in 23 der betroffenen Gebiete nicht vor 2020 damit, dass der Grenzwert tatsächlich eingehalten wird.

Der Stoff ist gesundheitsschädlich für Menschen, auch Tiere und Pflanzen leiden darunter. "In der Umwelt vorkommende Stickstoffdioxid-Konzentrationen sind vor allem für Asthmatiker ein Problem, da sich eine Bronchialkonstriktion (Bronchienverengung) einstellen kann", erklärt das 'Umwelt Bundesamt' im Internet. Zudem könnten sie Pflanzen schädigen und "unter anderem ein Gelbwerden der Blätter, vorzeitiges Altern und Kümmerwuchs bewirken".

Für viele Kommunen besteht also dringend Nachbesserungsbedarf. Trotzdem sind die luftreinigenden Pflastersteine erst in einer Stadt verbaut. In Bottrop gibt es eine Teststrecke mit den neuen Steinen. Mit einer Messapparatur führte die Herstellerfirma Ende August vor geladenen Gästen und Medienvertretern vor, dass die Stickoxidbelastung der Luft durch die Pflastersteine reduziert werden kann.

Warum werden die Pflastersteine nicht öfter eingesetzt?

Ein weiterer Vorteil: Weil die Steine die schädlichen Abgase nicht einfach aufnehmen, sondern in Nitrat umwandeln, geht von ihnen keine Gefahr aus. Sie saugen sich also nicht wie ein Schwamm voll mit dem schädlichen Stickstoffdioxid, sondern wandeln es chemisch um. Diese chemische Reaktion sei beliebig oft wiederholbar, meint der Hersteller. "Die Wirksamkeit hält die gesamte Lebensdauer der Betonoberfläche an", verspricht Lehmann.

Woran liegt es dann, dass diese Pflastersteine nicht häufiger zum Einsatz kommen? Sollten nicht alle Kommunen, die Probleme mit der Einhaltung der maximalen Stickstoffdioxidbelastung haben, auf den neuen Baustoff setzten? Die Stadt Bottrop hat auf eine Anfrage, wie zufrieden sie mit den neuen Pflastersteinen ist, nicht reagiert.

Ein sicher nicht unerhebliches Problem für viele Kommunen dürfte sein, dass die Steine im Vergleich zu gewöhnlichen Pflastersteinen teurer sind. Zwar meint der Hersteller: "Die durch den Zusatznutzen entstehenden Mehrkosten können im Rahmen der Gesamtkosten eines Bauprojektes als vernachlässigbar bezeichnet werden." Denn die reinen Materialkosten seien nur ein geringer Posten innerhalb der Gesamtkosten für ein Bauvorhaben. Trotzdem ist zu vermuten, dass besonders in klammen Städte gespart wird, wo es eben geht.

Ein weiterer Knackpunkt könnte sein, dass auch das Nitrat, das bei der chemischen Reaktion auf dem Pflasterstein entsteht, nicht ganz unbedenklich ist. Der Stoff, der auch als Dünger eingesetzt wird, kann in höherer Konzentration ebenfalls umweltschädlich sein. "Erhöhte Nitratgehalte beeinträchtigen die Ökologie der Gewässer sowie die Trinkwasserqualität und können damit zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen", schreibt das 'Umwelt Bundesamt' auf seiner Homepage.

Geht also die verbesserte Stadtluft nur mit einer Belastung der Böden und des Grundwassers einher? Nein, meint der Hersteller. Die Menge des Nitrats, das ins Grundwasser gespült wird, sei so gering, "dass sie nicht umwelt- oder gesundheitsschädlich ist".

Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums erklärte auf Anfrage, dass das Ministerium der Verwendung photokatalytischer Baustoffe kritisch gegenüberstehe. " Bisher gibt es keine Ergebnisse, die eine dauerhafte signifikante Reduktion der Stickstoffdioxidbelastung beim praktischen Einsatz von beschichteten Oberflächen im Außenbereich belegen", meinte der Sprecher.

Das Ministerium versucht den Ausstoß des Schadstoffs in den Griff zu bekommen, nicht die bereits vorhandene Belastung zu reduzieren. Geeignete Maßnahmen dazu könnten zum Beispiel die Ausdehnung von Umweltzonen oder die Umrüstung von Autos sein. "Die Automobilhersteller stehen in der Pflicht, bei der Fahrzeugkonzeption Mobilität und Gesundheitsschutz besser zu vereinbaren", sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums.

"Um die Stickstoffdioxid-Konzentrationen in der Stadtluft zu verringern, kommen als realistische Alternative nur die Eindämmung des Autoverkehrs in Innenstädten über die Einrichtung von strengeren Umweltzonen, die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs oder der Erlass von Fahrverboten in Frage", meint auch der Hersteller der Pflastersteine.