"Ihm war wichtig, dass alle unter die Erde kommen"

Bestatter vertauscht absichtlich Urnen - jetzt ist das Urteil gefallen

Urnenbestattung
Urnenbestattung
© dpa, Nicolas Armer, nar lofn rho jol

14. Oktober 2020 - 17:21 Uhr

Acht Tausch-Fälle werden dem 57-Jährigen vorgeworfen

Es war zunächst ein schauriger Verdacht: Thomas N., Bestattungsunternehmer aus Achim (Niedersachsen) soll mehrere Urnen vertauscht und in falschen Gräbern beigesetzt haben. Seit Juli vergangenen Jahres ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Bestatter. Jetzt ist das Urteil im Prozess vor dem Amtsgericht Achim gefallen - wegen des Coronaschutzes fand der Prozess im Landgericht Verden statt. Konkret geht es um acht Fälle aus den Jahren 2015 bis 2019, in denen er Urnen in beliebigen Gräbern bestatten hat und einen Fall, in dem er das Geld für die Bestattung kassiert haben soll, obwohl er die Beisetzung nicht durchgeführt habe. Statt der Asche soll er Sand in eine Aschekapsel gefüllt haben.

Angeklagter leidet unter Depressionen und räumt die Tat ein

Zu Beginn des Prozesses lässt sich Thomas N. auf die Anklage ein. Durch seinen Anwalt lässt N. erklären, dass es ihm "unendlich leid tut". Verteidiger Michael Brennecke versucht zuvor noch die Öffentlichkeit von der Einlassung auszuschließen. Er erklärt, dass sein Mandant Thomas N. seit 2014 an Depressionen leide. Durch die jetzigen Umstände sei er "in ein noch tieferes Loch gefallen" und "die berufliche Existenz ist erledigt, die private hinkt hinterher". Für Richterin Johanna Horsthemke ist dies jedoch kein Grund die Öffentlichkeit auszuschließen. Sie sieht den Tatbestand als erwiesen an. Thomas N. räumt die Fälle, in denen die Urnen vertauscht wurden, ein. Der Betrugsfall wird in einem anderen Verfahren verhandelt.

Thomas N. geriet in einem Teufelskreis

"Herr N. ist immer jemand gewesen, der gerne als Bestatter gearbeitet hat. Er hat das auch sehr ernst genommen. [...] Dann kam die depressive Erkrankung. [...] Er hatte nicht die Kraft, Dinge anzugehen", erklärt Verteidiger Michael Brennecke vor Gericht. Als dann eine Beerdigung anstand, war die benötigte Urne noch nicht fertiggestellt. Laut dem Verteidiger habe sich der 57-Jährige so unter Druck gefühlt, dass er einfach eine andere genommen hat. So sei es zu einer Kettenreaktion gekommen, dass immer eine Urne übrig geblieben sei. "Ihm war wichtig, dass alle unter die Erde kommen." Als Zeuge ist zu Prozessbeginn auch der Sachbearbeiter des Falls geladen. Er berichtet aus der Vernehmung: "Herr N. saß nur noch da und stammelte: Alle sind unter der Erde, alle sind unter der Erde!"

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Thomas N. bekommt eine Geldstrafe auf Bewährung

Im Sommer 2019 ist den Mitarbeitern des Bestattungsinstituts in Verden aufgefallen, dass sich im Krematorium noch die Urne eines Verstorbenen befand, obwohl dessen Beisetzung bereits stattgefunden hatte. Im Gefäß befand sich noch die Asche des Toten. Die Mitarbeiter forschten bei Gemeinde und Friedhof nach und machten so Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Fall aufmerksam.

Jetzt wird der 57-Jährige wegen Störens der Totenruhe zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu 25 Euro verurteilt. Die Geldstrafe ist zur Bewährung ausgesetzt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Verteidiger Brennecke machte darauf aufmerksam, dass Thomas N. in finanziellen Schwierigkeiten stecke. Die Lizenz zum Bestatter wurde Thomas N. mittlerweile entzogen.