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"Beschmutzte Familienehre": Prozessbeginn um Mordanschlag auf 17-Jährige

24.09.2018, Baden-Württemberg, Ravensburg: Einer der Angeklagten werden im Gerichtssaal die Handschellen abgenommen. Nach dem Mordanschlag auf eine 17-jährige Frau hat vor dem Landgericht der Prozess gegen deren Ehemann und deren Bruder begonnen. Die
Einer der Angeklagten werden im Gerichtssaal die Handschellen abgenommen. © dpa, Felix Kästle, lix fdt

Sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt

Eine Anklage wie aus einem Horrorfilm. Nur knapp überlebt eine 17-jährige Muslimin eine Messerattacke. Aus Sicht ihrer Peiniger soll sie die Ehre ihrer Familie verletzt haben. Bruder und Ehemann wollten das Mädchen töten - mit Zustimmung der Eltern. Sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt.

Von einem anderen Mann schwanger?

Im Fall eines Mordanschlags auf eine 17-Jährige hat der Prozess gegen Ehemann, Bruder und die Eltern der Frau am Ravensburger Landgericht begonnen. Alaa W. wäre in der elterlichen Wohnung in Laupheim bei Biberach um ein Haar getötet worden - samt dem Baby in ihrem Leib. 

Von einem Mordanschlag "aus niedrigen Beweggründen" spricht Staatsanwalt Florian Steinberg. Aus Sicht der vier Angeklagten - ihr Mann stammt aus Syrien, der Vater aus dem Libanon, die Mutter und der Bruder wurden wie sie selbst in Libyen geboren - habe die junge Frau die Familienehre beschmutzt, dafür sollte sie sterben. 

Alaa wurde von ihren Peinigern so schlimm zugerichtet, dass selbst die sachlich-nüchtern gehaltenen Ausführungen der Staatsanwaltschaft Grauen im Gerichtssaal erregten. Die nach islamischem Recht verheiratete 17-Jährige habe sich in einen anderen Mann verliebt. Sie sei zudem schwanger gewesen. Ohne zu wissen, ob von ihrem 17 Jahre älteren Mann oder von dem neuen Freund. Zu viel für die konservative Familie.

"Ich genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen"

So war laut Anklagebehörde eine angeblich "beschmutzte Familienehre" das Motiv für die Bluttat am 27. Februar - das Gericht spricht von einem "Strafverfahren wegen eines Ehrenmordversuches". 

Zwei Wochen nach der Bluttat hatte der Vater auf die Scharia verwiesen: "Wenn eine verheiratete Frau eine Beziehung führt und der islamische Richter sie zum Tode verurteilt, dann darf ich nicht Nein sagen", sagte er Spiegel TV. Das Video löste Empörung aus. Genau wie die Videos, die ihr Bruder während des Mordanschlags drehte. "Ich genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen", sagt der Bruder in einem der Videos; er raucht dabei neben der blutüberströmten Schwester eine Zigarette. 

Der Bruder - er gilt den deutschen Behörden als islamistischer Gefährder, weil er in die Planung eines Anschlags in Kopenhagen verwickelt gewesen sein soll - war gerade erst aus der U-Haft in Stuttgart-Stammheim entlassen worden. Er habe seine Schwester zu Rede gestellt. Sie habe erklärt, den neuen Freund zu lieben, die Ehe wolle sie auflösen. Der Bruder soll dann ihr Handy durchsucht und Fotos gefunden haben, die Bruder und Ehemann als ehrverletzend empfunden hätten. 

Die Männer, so die Anklage, hätten versucht, ihr den Hals durchzuschneiden. Die Klinge sei am Mundwinkel abgeglitten und habe Alaa W. schwer im Gesicht verletzt. Mit weiteren Messern verletzten sie die Frau, trafen auch den Herzbeutel. Dann seien die beiden Männer geflohen, "im festen Glauben, die Frau werde nun sterben", wie die Staatsanwaltschaft schilderte. Da endlich scheint ein Anflug von Mitleid die Eltern zu erfassen. Sie rufen den Rettungsdienst. Notoperationen, Intensivstation. Alaa W. überlebt nur knapp. Die beiden mutmaßlichen Haupttäter werden wenig später in einem Zug am Bahnhof Schweinfurt festgenommen.

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