Einmalige Chance im DFB-Pokal

Beschenkt Bayer Leverkusen Rudi Völler endlich mit einem Titel?

Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler
© dpa, Carmen Jaspersen

03. Juli 2020 - 7:10 Uhr

Mit 60 Jahren noch immer kein Titel als Funktionär

Rudi Völler war als Spieler Titelsammler, aber als Funktionär bei Bayer 04 Leverkusen hat er noch nie etwas gewonnen. Ist Bayers Sportchef mit seinen mittlerweile 60 Jahren vielleicht noch ein richtiges Feierbiest? Die Spieler werden es nie erfahren, wenn sie nicht endlich mal etwas gewinnen. Am Samstag im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern haben sie mal wieder eine Chance.

Mythos "Vizekusen"

Die Fans von Bayer Leverkusen gelten als besonders leidensfähig. Ihre Mannschaft begeistert sie oft, doch wenn es darum geht, etwas zu Ende zu bringen, geht Bayer 04 Leverkusen meist leer aus. Die letzten Erfolge liegen lange zurück.

1988 gewannen die Rheinländer überraschend den UEFA-Cup (heute Europa League) und 1993 zum bisher einzigen Mal den DFB-Pokal durch einen knappen 1:0-Finalsieg gegen die Amateure von Hertha BSC. Seitdem schliddert Bayer immer haarscharf am Triumph vorbei.

Den Titel "Vizekusen" verdiente sich Leverkusen Anfang der 2000er Jahre. Nach einer überragenden Saison 1999/2000 mit nur zwei Niederlagen leistet sich Bayer als Tabellenführer die dritte Niederlage ausgerechnet am letzten Spieltag mit 0:2 in Unterhaching. Ein Unentschieden hätte Michael Ballack, Ze Roberto, Ulf Kirsten und den anderen zur deutschen Meisterschaft gereicht, so aber zog der FC Bayern noch vorbei.

2002 drei Titel verpasst

Zwei Jahre später hatte "Vizekusen" am 31. Spieltag als Spitzenreiter fünf Punkte Vorsprung vor Verfolger Dortmund – und das bessere Torverhältnis. Bayer verspielte auch diese ausgezeichnete Ausgangsposition.

Am letzten Spieltag machte Dortmunds Ewerthon erst in der 74. Minute das 2:1 gegen Werder Bremen, das den Schwarz-Gelben die Meisterschaft brachte. Wieder flossen in Leverkusen Tränen nach der verpassten Riesen-Chance.

In dem Jahr 2002 lieferte die Mannschaft von Trainer Klaus Toppmöller begeisternde Spiele ab, doch "ein schwarzer Mai" stürzte die Werkself in ein Jammertal. Innerhalb von zwölf Tagen vergeigten die Leverkusener alles – nach der verpassten Meisterschaft verloren sie eine Woche später das DFB-Pokalfinale mit 2:4 gegen Schalke und anschließend auch noch das Champions-League-Endspiel gegen Real Madrid mit 1:2. Dabei hatte Bayer den "Königlichen" alles abverlangt: 19:8 Torschüsse, 52% Ballbesitz, 6:0 Ecken und 23:9 Flanken spiegelten die damalige Überlegenheit des krassen Außenseiters Leverkusen wider.

Doch Bayer erwies sich als Verlierer mit Humor. Jahre später lassen sich die Rheinländer den wenig schmeichelhaften Titel "Vizekusen" beim deutschen Patent- und Markenamt schützen – und den Titel "Meisterkusen" gleich mit … man weiß ja nie.

Video: Kirsten sehnt nächsten Titel für Leverkusen herbei

Königsklasse ohne Bayer

Eine gefühlte Niederlage erlitten die Leverkusener auch am vergangenen Samstag. Trotz des 1:0-Sieges gegen Mainz blieben sie in der Abschlusstabelle der Saison 2019/20 hinter Borussia Mönchengladbach auf Platz fünf und verpassten damit die Qualifikation für die Champions League.

Trainer Peter Bosz klagte: "Es ist ein bisschen fremd, wenn man ein Gefühl hat, enttäuscht zu sein. Und das mit 63 Punkten. Das sind fünf Punkte mehr als in der letzten Saison. Das ist ein Bundesliga-Rekord für einen fünften Platz. In der Rückrunde haben wir 35 Punkte geholt, das ist eine gute Rückrunde."

Kai Havertz als treibende Kraft

Dafür bietet sich Bayer am Samstag die Chance auf den ersten Titel seit 27 Jahren: Pokalfinale in Berlin gegen Bayern München (Anstoß 20.00 Uhr).

Das Kunststück, den FC Bayern zu besiegen, ist den Leverkusenern in dieser Saison bereits gelungen. Im November, am 13. Spieltag, schlugen sie die Münchner mit 2:1 in der Allianz-Arena – und das ohne Jungstar Kai Havertz, der damals angeschlagen auf der Bank saß. Gerade auf dem 21 Jahre alten Mittelfeld-Juwel ruhen im Berliner Olympiastadion große Hoffnungen. Das Ausnahme-Talent wird gleich von mehreren Top-Clubs gejagt, darunter Real Madrid und Chelsea, doch ganz Leverkusen hofft, dass Havertz den Kopf frei hat und in einem seiner vielleicht letzten Spiele für Bayer einen "Sahnetag" erwischt.

Doch ein Havertz in Top-Form allein reicht nicht, das weiß auch Bayer-Urgestein Ulf Kirsten, der beim DFB-Pokalsieg 1993 mit seinem 1:0-Siegtreffer gegen die Amateure von Hertha BSC für den einzigen nationalen Titel für der Werkself sorgte: "Wenn man gegen Bayern München spielt, muss man immer 100 Prozent bringen, sonst hat man da keine Chance.  Sicherlich muss vieles stimmen und die ganze Mannschaft auf den Punkt topfit sein."

Über die Europa League in die Champions League

Im Europapokal sind die Leverkusener ebenfalls noch aussichtsreich unterwegs, könnten auch dort das Trauma "Vizekusen" überwinden. Die Europa League wird im August als Endturnier in Nordrhein-Westfalen ausgetragen, Bayer hat nach dem 3:1-Hinspielsieg gegen die Glasgow Rangers beste Chancen aufs Viertelfinale, das wie das Halbfinale im  K.o.-System mit jeweils einem Spiel ausgetragen wird. "Wenn wir weiterkommen, sind es noch drei Spiele. In Nordrhein-Westfalen haben wir vielleicht einen kleinen Vorteil", sagte Stürmer Kevin Volland.

Der Europa-League-Sieger ist für die Champions League qualifiziert. "Das ist noch eine Extramöglichkeit", weiß Trainer Peter Bosz: "Das wird aber natürlich nicht einfach sein, wenn man sieht, welche Mannschaften da noch vertreten sind."

Pokalfieber

Doch bis Samstag grassiert in Leverkusen erstmal das Pokalfieber. In der 160.000-Einwohner-Stadt wehen überall extra angefertigte Finalflaggen mit dem Vereinslogo, die Farben schwarz und rot dominieren das Stadtbild, 75 Pappaufsteller der Bayer-Profis in Lebensgröße stehen verteilt am Wegesrand – allerdings sind einige davon schon in den ersten zwei Tagen geklaut worden … wen wundert´s?

"Man kann es gar nicht in Worte fassen, was der Pokalsieg für die Fans und den Verein bedeuten würde", sagte Bayer-Legende Ulf Kirsten, "der ganze Verein fiebert diesem Endspiel entgegen und hofft, endlich wieder was auf dem Wimpel stehen zu haben. Das wäre wichtig für die ganze Region."

Und Rudi Völler kündigt an: "Wir wollen den Bayern einen großen Fight liefern".

Vielleicht kriegen sie in Leverkusen an diesem Wochenende ja doch noch raus, ob Rudi auch mit 60 noch ein Feierbiest ist …