Berliner Philharmoniker: Neuer Chefdirigenten wird gefeiert

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25. August 2019 - 10:30 Uhr

Ein Auftritt im Saal und einer unter freiem Himmel: Mit gleich zwei Aufführungen von Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9 haben die Berliner Philharmoniker den Einstand ihres neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko gefeiert. Nach dem Auftakt in der Philharmonie am Freitagabend spielte das Orchester - erstmals in seiner 137-jährigen Geschichte - am Samstagabend vor dem Brandenburger Tor. Rund 35.000 Menschen lauschten bei sommerlichen Temperaturen auf der Straße des 17. Juni dem Orchester - einige sangen sogar die Europahymne mit, den Schlusschor nach Friedrich Schillers "Ode an die Freude".

Das Konzert, das live im RBB-Fernsehen übertragen wurde, war Teil der Feiern zur Erinnerung an den Mauerfall vor 30 Jahren.

Für die Berliner Philharmoniker beginnt damit eine neue Ära: Vier Jahre nach seiner Wahl ist Petrenko nun offiziell Chefdirigent des Orchesters, der siebte seit seiner Gründung 1882. Die selbstverwalteten Philharmoniker hatte den Russen vor vier Jahren als Nachfolger von Simon Rattle gewählt. Petrenko kommt von der Bayerischen Staatsoper, er bleibt parallel noch bis 2020 Generalmusikdirektor in München.

Mit Beethovens Neunter hatte sich Petrenko zu seinem Debüt einen Herzenswunsch erfüllt: Das Werk mit dem berühmten Schlusschor enthalte alles was die Menschheit auszeichne - das Gute genauso wie das Böse, hatte der 47-jährige Dirigent vor dem Konzert gesagt.

So bot Petrenko am Freitagabend einen an Spannung und Intensität kaum zu überbietenden Abend. Mit atemberaubender Geschwindigkeit, Hingabe und Präzision lieferten Petrenko und die Philharmoniker einen Ritt durch dieses Schwergewicht der Klassik. Petrenko, ein akribischer Notenarbeiter, blieb deutlich unter der im Programm angegebenen Zeit von 65 Minuten. Die Zuhörer waren begeistert, auch über die Solisten Marlis Petersen (Sopran), Elisabeth Kulman (Mezzosopran), Benjamin Bruns (Tenor) und Kwangchul Youn (Bass) sowie den Rundfunkchor Berlin. Die Interpreten wurden sowohl in der Philharmonie wie auf der Freilichtbühne am Brandenburger Tor stürmisch gefeiert.

Seid umschlungen, Millionen: Petrenkos Beethoven hielt das Publikum in Atem. Gebückt, gestreckt oder mit offenen Armen gelang es ihm, die musikalischen Fliehkräfte zusammenzuführen. Der Maestro tanzte, dirigierte aus der Hüfte heraus oder ließ einfach die Arme fallen, wenn die Musik verstummte.

So wurde am Freitagabend hör- und sichtbar, warum sich die Philharmoniker nach den 15 Jahren mit britischen Sonnyboy Simon Rattle für diesen zurückhaltenden, eher öffentlichkeitsscheuen Maestro entschieden haben. Petrenko gibt keine Interviews, ihn umgibt die Aura des Unnahbaren, die sich allerdings in den für die Philharmoniker aufgenommenen Video-Gesprächen mit Orchestermusikern sofort auflöst. Stets lächelnd gibt Petrenko dabei Einblick in seine Arbeit und Denkweise.

Unter dem Briten Rattle hatte das Orchester den Sprung in die Multimedia-Zeit des 21. Jahrhunderts unternommen. Es entstanden das "Education"-Programm und die Digital Concert Hall. Mit Petrenko besinnen sich die 128 Musiker wieder auf ihre Wurzeln. Musik, das macht der Neue auch mit seiner zuweilen unterkühlten und ruppigen Sicht auf die Neunte deutlich, steht absolut im Mittelpunkt. Gefeiert werden kann woanders.

Auch bei Alban Bergs symphonischen Passagen aus dessen Skandaloper "Lulu", einem Werk aus der sexuell aufgeladenen Wiener Jahrhundertwende, im ersten Teil am Freitagabend, zeigt Petrenko, dass ihm wenig daran liegt, dieses ausschweifende Stück allzusehr auszuloten. Er entlockt dem Orchester einen wunderbar seidenen Klang, vermeidet aber dabei jede Anspielung auf die Abgründe, die in dieser Musik lauern.

Doch das tat seinem Erfolg keinen Abbruch. Wie am Samstagabend vor dem Brandenburger Tor verneigte sich Petrenko auch am Freitagabend in der Philharmonie sichtlich gerührt vor den Zuhörern. Immer wieder wurde er auf die Bühne gerufen, selbst als die Musiker längst gegangen waren. Unter dem Dach der Philharmonie oder unter dem Sternenhimmel: Das neue Zeitalter für die Berliner Philharmoniker hat begonnen.

Quelle: DPA