Peinliche Posse nach BVG-Ankündigung

Berliner "Mohrenstraße" soll nach Antisemit benannt werden

07. Juli 2020 - 16:00 Uhr

U-Bahnhof soll wie benachbarte Straße heißen

Die U-Bahnstation "Mohrenstraße" soll kein Halt für Rassisten sein. Nach jahrelangen Debatten wollten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ein Zeichen setzen. Sie teilten mit, die Station werde in Zukunft den Namen der anliegenden Glinkastraße tragen. Doch der Straßenkampf scheint noch nicht zu Ende: Der Bahnhof soll nun ausgerechnet nach einem Antisemiten benannt werden.

„Vater der russischen Musik“ sprach von jüdischer Verschwörung

Peinliche Posse rund um den U-Bahnhof "Mohrenstraße" in Berlin: Weil der Name Menschen afrikanischen Ursprungs beleidige, wollte sich die BVG gegen Rassismus positionieren. Doch beim Versuch, den Namen aus dem Fahrplan zu streichen, wählten sie ausgerechnet Michail Iwanowitsch Glinka als neuen Namensgeber aus. Eines der berühmtesten Werke ("Fürst Cholmskij") des russischen Komponisten (1804-1857) handelt von einer jüdischen Verschwörung, die sich mit dem Feind verbündet und gegen das russische Reich intrigiert.

Für die Verkehrsbetriebe war es eine wohl naheliegende Umbenennung, schließlich verstarb der Komponist 1857 in der Nähe des heutigen Haltepunkts. Die Straße heißt bereits seit der DDR-Zeit so: 1951 wurde sie nach einem der "Väter der russischen Musik" benannt.

Glinka bezeichnete Bekannten als „ungeduldigen Juden“

Bisher war der U-Bahnhof "Mohrenstraße" für Kritiker eine rassistische Zumutung. Als Mohren wurden einst Menschen mit dunkler Hautfarbe bezeichnet. Wie die "Jüdische Allgemeine" berichtet, würde mit der "Glinkastraße" aus der rassistischen eine antisemitische Zumutung. Immerhin sei überliefert, dass Glinka einen jüdischen Bekannten abwertend als "ungeduldigen Juden" bezeichnete. In der "New York Times" wurde Glinka schon im Jahr 1997 von einem Musikwissenschaftler als "judophob" bezeichnet. Der Komponist soll zudem "jüdische Elemente" verdammt haben.

Die Verkehrsbetriebe haben sich zur Kritik bisher nicht geäußert. Für unumstrittenere Namen gibt es aber bereits viele Ideen: Jüdische Vertreter fordern, den Bahnhof nach Martin Dibobe zu benennen, der von 1902 bis 1919 der erste Berliner Zugführer afrikanischer Herkunft war.