Wie entsteht Kannibalismus?

Kriminalpsychologin Lydia Benecke zum Berliner Kannibalen-Fall

23. November 2020 - 15:55 Uhr

Lydia Benecke: Die Tötung durch Kannibalismus ist sehr selten

Es klingt wie in einem Gruselkrimi: Zwei Männer um die 40 verabreden sich über eine Dating-Plattform in Berlin zum Rendezvous. Später finden Spaziergänger beim Gassigehen mit dem Hund im Wald menschliche Knochen. Es sind die Überreste von Stefan T. Jetzt steht ein verstörender Verdacht im Raum: Er könnte einem Kannibalen zum Opfer gefallen sein. Kriminalpsychologin Lydia Benecke erklärt, die Tötung durch Kannibalismus ist sehr selten, Kannibalismus-Phantasien kommen allerdings häufiger vor. Über das grausige Phänomen spricht sie im Video.

Es gehe um Sexualmord aus niederen Beweggründen

Zweieinhalb Monate galt der 44-jährige Stefan T. als vermisst. Jetzt die traurige Gewissheit: Der Monteur aus Berlin ist tot. Die im Wald gefundenen Knochen konnten ihm zugeordnet werden. Auf die Spur des neuen mutmaßlichen Täters kommen die Ermittler auch mit Hilfe eines Taxifahrers: Er habe sagen können, wohin die letzte Fahrt des Vermissten führte, sagt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, am Freitag. Mantrailer-Hunde hätten die Beamten zur Wohnung des Verdächtigen geführt.

"Weitere Ermittlungen haben dann dazu geführt, dass diese verdächtige Person im Internet unterwegs war, auch im Bereich von Kannibalismus recherchiert hat. Deswegen gab es eine Wohnungsdurchsuchung. Und bei dieser Wohnungsdurchsuchung sind einschlägige Werkzeuge wie Messer sowie Blutspuren sichergestellt worden", sagt Steltner.

Ihm wird Sexualmord aus niederen Beweggründen vorgeworfen. Hintergrund sei nach Erkenntnissen der Ermittler die Befriedigung des Geschlechtstrieb gewesen, erklärt Steltner. Andere Motive, wie Raub oder Hass, seien nicht erkennbar. Es gebe bislang keinerlei Hinweise darauf, dass die Tat im Einvernehmen mit dem Opfer begangen wurde.

Verdächtiger schweigt zu den Vorwürfen

Tötung durch Kannibalismus sei sehr selten, erklärt Kriminalpsychologin Lydia Benecke. "Viele sagen, sie wünschen sich, den anderen als Teil von sich in sich aufzunehmen. Sie sagen also, dass sie den anderen sogar kennenlernen wollen als Menschen, dass sie ihn mögen wollen und dass sie dann wollen, dass dieser Mensch, den sie mögen, dass der ein Teil von ihnen selbst wird und das nennen sie dann vereinleiben."

Was Stefan T. genau erleiden musste, wird noch ermittelt: Der Tatverdächtige schweigt zu den Vorwürfen.