Über 60 Stromschläge am Berliner Pannenflughafen

BER-Mitarbeiter: „Es wird verharmlost, bis einer tot ist“

Der Sicherheitsbereich am Flughafen BER
Der Sicherheitsbereich am Flughafen BER
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15. Januar 2021 - 11:27 Uhr

Berliner Pannen-Flughafen: Von der Sicherheitskontrolle ins Krankenhaus

Die Mitarbeiter im Sicherheitsbereich des Flughafens BER leben in Angst. Jeden Moment müssen sie damit rechnen, einen Schlag zu bekommen. Über 60 Mal ist das seit der Eröffnung des Flughafens am 31. Oktober schon vorgekommen. Dabei geht es nicht um einen kleinen Wischer. Allein am 6. Januar musste vier Mal der Krankenwagen anrücken. Die Gewerkschaft Verdi fordert jetzt: Terminal 1 muss schließen!

"Andere Kollegen sind umgefallen oder bewusstlos gewesen"

Starke Schmerzen, Taubheitsgefühl und Benommenheit, davon berichten die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Securitas, die im Terminal 1 die Handgepäckkontrolle durchführen. Gegenüber RTL beschreibt einer von ihnen die Dimension der Stromschläge:

"Ich stand ein paar Zentimeter von der Schleuse entfernt, dann gab es einen lauten Knall, auch die umliegenden Kollegen haben das gehört. Es entstand ein richtiger Funken und danach hatte ich ein Taubheitsgefühl in meiner Hand. Das war Glück im Unglück, denn andere Kollegen sind dabei umgefallen oder bewusstlos gewesen."

Seinen Namen will er nicht nennen, aus Sorge um seinen Job. Doch den kann er nur noch mit Angst ausführen.

"Jeden Tag fragen wir uns, ob wir noch heile nach Hause kommen", sagt der Mitarbeiter. Gegenüber dem Flughafenbetreiber erhebt er schwere Vorwürfe: "Manche Mitarbeiter und sogar schon Passagiere haben Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung gestellt. Es wird von der Flughafengesellschaft verharmlost, bis einer tot ist."

Terminal 1 schließen?

Laut Gewerkschaft Verdi mussten sich mehrere Mitarbeiter arbeitsunfähig melden. Um die Gesundheit der Mitarbeiter und der Passagiere zu schützen, fordert Verdi-Sprecher Benjamin Roscher, "die Arbeiten an den betroffenen Geräten sofort und solange einzustellen, bis die technische Ursache für die Arbeitsunfälle gefunden und zweifelsfrei abgestellt ist."

In Zwischenzeit könnte Terminal 5, also der Terminal des ehemaligen Flughafens Schönefeld, die Abfertigung übernehmen.

"Aufgrund des ohnehin sehr niedrigen Passagieraufkommens käme es durch die Einstellung der Kontrolltätigkeiten im Terminal 1 noch nicht einmal zu Einschränkungen des Flugverkehrs", so Roscher.

Verantwortlich für den Sicherheitsbereich ist die Bundespolizei. Die Flughafengesellschaft Berlins, Brandenburgs und des Bundes (FBB) sind für einen Abfertigungsstopp aber offenbar keinen Bedarf sehen. Auf RTL-Anfrage sagte ein Sprecher:

"Die FBB steht mit der Bundespolizei seit dem vermehrten Auftreten der elektrostatischen Entladungen im engen Kontakt. Daher wissen wir, dass die zuständigen Stellen der Bundespolizei verschiedene Maßnahmen ergriffen haben, die bereits zu einer deutlichen Reduzierung der elektrostatischen Entladungen geführt haben. Die FBB geht davon aus, dass sich solche Vorfälle durch die Einhaltung entsprechender Verfahren und Vorkehrung bei Durchführung der Sicherheitskontrollen in Zukunft vermeiden lassen", sagt FBB-Sprecher Hannes Hönemann.

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S-Bahn möglicherweise der Grund für die Stromschläge

Ob diese Maßnahmen die Mitarbeiter wirklich schützen, bezweifelt der verdeckt sprechende Mitarbeiter gegenüber RTL.

"Wir versuchen uns mit allen Mitteln zu schützen, mit den Gummimatten, den Entladungsstiften und den super neuen Schuhen. Die haben wir genau wegen dieser Stromschläge bekommen, aber auf denen steht drauf: 'Die Schuhe dienen dem Schutz des Gerätes. Sie sind nicht geeignet für die Arbeit an elektrischer Spannung führender Quellen.'"

Inzwischen sollen sogar rechtliche Schritte eingeleitet worden sein.

"Manche Mitarbeiter und sogar schon Passagiere haben Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung gestellt", sagt der BER-Mitarbeiter. Dazu wollte sich die Flughafengesellschaft bislang aber nicht äußern. Die Polizei Potsdam bestätigte aber, dass mehrere Anzeigen eingegangen sind. Sie werden nun der Staatsanwaltschaft vorgelegt.

Im Probebetrieb waren die Probleme noch nicht aufgetreten. Deshalb steht die Vermutung im Raum, dass die Stromschläge mit der damals noch nicht im Betrieb gewesenen S-Bahn im Zusammenhang stehen könnten.

Der Flughafen BER eröffnete wegen diverser technischer Mängel und Fehlplanungen mit einer 9-jährigen Verspätung. Bis zu seinem ersten Skandal im Betrieb dauerte es dagegen gerade mal 2 Monate.