Ärzte spritzten Zwillingsbaby bei Geburt tot

Wegen Totschlags verurteilt: Sie hätten Kind gegen Willen der Mutter zur Welt bringen müssen

20. November 2019 - 9:56 Uhr

Zwillingsbaby mit einer Kaliumchlorid-Spritze getötet

Im Prozess gegen zwei Berliner Frauenärzte, die bei einer Zwillingsgeburt ein Kind getötet haben, hat das Landgericht beide wegen Totschlags zu Bewährungsstrafe verurteilt: Chefarzt Dr. Klaus V. (73) zu einem Jahr und neun Monaten und Oberärztin Dr. Babett R. (58) zu einem Jahr und sechs Monaten. Das Gericht bewertete die Abtreibung, nachdem die Geburt schon begonnen hatte, als Fehler. Beide Angeklagten seien gute Ärzte, so die Überzeugung des Gerichts. Die Behandlung während der Zwillingsschwangerschaft sei fehlerfrei gewesen. In der tödlichen Prozedur während der Geburt sah das Gericht jedoch ein strafbares, bewusstes, "von langer Hand geplantes Vorgehen".

Tödliche Injektion verabreicht

Am 12. Juli 2010 brachte eine Patientin (27) im Klinikum Berlin-Neukölln ein Baby per Kaiserschnitt zur Welt: 1.670 Gramm schwer, 40 Zentimeter lang und vor allem gesund. Das Mädchen ist mittlerweile neun Jahre alt. Bei der Zwillingsschwester stellte man schon im Laufe der Schwangerschaft eine schwere Hirnschädigung fest. Nach der Entbindung des gesunden Babys wurde das erkrankte zweite Kind mit einer Injektion getötet.

Doch legal war die Abtreibung nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in der 32. Schwangerschaftswoche nicht. Denn juristisch gesehen wird aus dem Fötus zum Zeitpunkt des Kaiserschnitts ein Mensch. Bei der Geburt ist die tödliche Injektion damit verboten. Als erfahrene Gynäkologen hätten sie das wissen müssen, so hieß es während des Prozesses. Deshalb lautete die Anklage auf Totschlag.

Zwillingsbaby totgespritzt: Frauenärzte hätten Kind gegen den Willen der Mutter zur Welt bringen sollen

Die Verteidiger argumentierten, ihre Mandanten seien von einer zulässigen Spätabtreibung bei einer medizinischen Indikation ausgegangen. Im Zivilrecht beginne die Rechtsfähigkeit des Menschen mit der Vollendung der Geburt. in der Urteilsbegründung hieß es, das Strafrecht stehe hier über dem Zivilrecht. Insgesamt geht das Gericht davon aus, dass es sich um zwei gute und verantwortungsvolle Ärzte handelt. Deshalb fällt die Strafe, trotz Totschlag, so gering aus. Normal beginnt das Strafmaß hierfür bei fünf Jahren.

Zu dem Verfahren um die Geburt im Sommer 2010 war es nach einer anonymen Strafanzeige gekommen. Die 58 Jahre alte Angeklagte hatte während des Prozesses gesagt, sie hätte einen sicheren Weg für den zweiten Fötus finden und die Mutter nicht gefährden wollen. Laut einem Gutachter wäre der kranke Zwilling trotzdem lebensfähig gewesen. Man hätte ihn also auch lebend gebären können. Auch gegen den Willen der Mutter - dieser spielt hier strafrechtlich keine Rolle. In der Urteilsbegründung war von "Aussortieren" eines kranken Kindes im Mutterleib die Rede. Das sei nicht hinnehmbar, so das Urteil.