Dramatischer Vorfall in Berliner Flüchtlingsunterkunft

Hochschwangere Frau verliert ihr Baby - Security-Mitarbeiter wollte keinen Rettungswagen rufen

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25. Juli 2019 - 10:34 Uhr

Flüchtlingsunterkunft in Berlin: Ehemann bat Sicherheitsmann, den Notruf zu wählen

In Berlin hat eine hochschwangere Frau, die in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt, ihr Baby verloren, weil ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes keinen Rettungswagen für sie rufen wollte. Der Flüchtlingsrat Berlin machte den Vorfall, der sich bereits im Juni ereignete, jetzt öffentlich. Sie und ihr Ehemann seien nach dem Vorfall "schwer traumatisiert und emotional komplett überfordert".

Schwangere Frau in Berlin: Security-Mitarbeiter soll sich geweigert haben, den Krankenwagen zu rufen

Die Frau sei im neunten Monat schwanger, als sie in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni plötzlich starke Schmerzen und Blutungen bekam, teilte der Verein in einer Pressemitteilung mit. Ihr Mann bat einen Security-Mitarbeiter, den Notruf zu wählen. "Die Eheleute sind erst seit zwei Monaten in Berlin. Sie sprechen kein Deutsch und konnten nicht selbst den Rettungsdienst rufen", so der Flüchtlingsrat.

Der Sicherheitsmann soll sich daraufhin aber geweigert haben. Begründet habe er das mit der Aussage, es sei Sonntag, man könne da nicht einfach die Feuerwehr rufen. Selbst ein Taxi wollte er dem Ehepaar nicht bestellen. Das Krankenhaus sei schließlich nicht weit. Alles, was er den beiden Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft gegeben haben soll, sei die Adresse des rund drei Kilometer entfernten Krankenhauses gewesen, berichtete der Flüchtlingsrat.

Hochschwangere Frau musste sich alleine auf den Weg zum Krankenhaus machen

Der Mann brachte seine blutende, hochschwangere Frau daraufhin zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Klinik. Dort brachte die Frau einen toten Jungen zur Welt. Die Todesursache sei akute Plazentainsuffizienz gewesen, so der Flüchtlingsrat. "Es ist davon auszugehen, dass das Kind am frühen Morgen noch gelebt hat", teilte der Verein mit. Die Ärztin im Krankenhaus habe den Eltern gesagt, dass ihr Baby möglicherweise überlebt hätte, wenn sie früher im Krankenhaus gewesen wären.

Schwangere Frau der Notlage ausgeliefert

"Es kann nicht sein, dass Geflüchtete, die sich in einer akuten gesundheitlichen Notlage und möglicherweise sogar in Lebensgefahr befinden, hilflos der Entscheidung von Security und/oder anderen nicht medizinisch qualifizierten Mitarbeitenden ausgeliefert sind", sagte Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin. Die hätten gar nicht die Kompetenz zu entscheiden, ob ein Rettungswagen gebraucht wird oder nicht.

In manchen Fällen würden Rettungsdienste erst ausrücken, wenn Heimleitung oder Sicherheitsdienst bestätigt hätten, dass wirklich ein Notfall vorliegt. Classen forderte, "Heimbetreiber und Securityfirmen anzuweisen, im Zweifel immer den Rettungsdienst zu rufen, wenn Flüchtlinge darum bitten".

Betreiber AWO: Im Notfall Krankenwagen rufen

In einer Stellungnahme von AWO, dem Betreiber der Flüchtlingsunterkunft, heißt es: 
"Der Wachschutz hat die klare Dienstanweisung, in Notfällen den Krankenwagen zu rufen. Dies ist eine Vorgabe des LAF, die wir nachweisbar auf unseren externen Wachschutz übertragen haben. Warum der Notarzt in diesem Fall trotzdem nicht gerufen wurde, kann von uns nicht nachvollzogen werden. Da an den Wochenenden keine Mitarbeiter*innen der AWO Mitte in den Geflüchtetenunterkünften anwesend sind, konnten diese sich auch nicht zu dem Vorfall verhalten bzw. eingreifen." 

Das Ehepaar habe einen Anwalt eingeschaltet, um gegen die beiden anwesenden Wachschützer wegen unterlassener Hilfeleistung vorzugehen. "Der Vorfall am Morgen des 23. Juni wird von Wachschutz und Ehemann sehr unterschiedlich dargestellt. Deutlich wird, dass es offensichtlich aufgrund sprachlicher Barrieren massive Verständigungsprobleme gegeben hat", heißt es seitens AWO.

Schwangere Frau in Flüchtlingsunterkunft: Andere Bewohner bemerkten den Vorfall anscheinend nicht

Die anderen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft haben von dem Vorfall anscheinend nichts mitbekommen und kannten die schwangere Frau nicht. Nach RTL-Informationen sind viele gerade erst eingezogen; angeblich wechseln die Bewohner alle vier Wochen. Ein Großteil spricht Russisch oder Albanisch. Eine Bewohnerin erklärte gegenüber RTL, im Haus seien viele Frauen schwanger, aber sie kenne keine, bei der es Probleme gab.

Die Frau, die ihr Baby verlor, ist nach Angaben ihres Anwalts traumatisiert. Es wäre ihr erstes Kind gewesen. Sie wurde inzwischen in ein anderes Flüchtlingsheim verlegt.