Corona und das "Spiel null"

War diese CL-Partie eine "biologische Bombe"?

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© AP, Antonio Calanni, AC

25. März 2020 - 18:09 Uhr

Brandbeschleuniger für das Coronavirus

Von Anja Rau

Der italienische Fußballklub Atalanta Bergamo zieht erstmals ins Viertelfinale der Champions League ein, doch der Jubel ist verklungen. Das Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Valencia wird noch vor mehr als 44.000 Fans ausgetragen - wirkt es als Brandbeschleuniger für die Coronavirus-Pandemie?

Böser Verdacht

Am 19. Februar ist in der Champions League noch alles wie gehabt. Atalanta Bergamo hat im Achtelfinal-Hinspiel den FC Valencia zu Gast. Das Spiel endet 4:1, der Jubel in Italien ist riesig. Weil das Rückspiel in Spanien - am 10. März schon vor einer Geisterkulisse - 3:4 endet, zieht Atalanta erstmals in der Vereinsgeschichte ins Viertelfinale der Fußball-Königsklasse ein.

In ein Viertelfinale, das womöglich niemals ausgetragen werden wird. Weil die Coronavirus-Pandemie dies verhindert. Noch schlimmer für den italienischen Klub: Es gibt den bösen Verdacht, dass sich das Coronavirus wegen des Hinspiels in der stark betroffenen Stadt Mailand - wo Atalanta seine internationalen Heimspiele austrägt - erst so richtig verbreitet hat.

Wurde das Spiel zur Virenschleuder?

Etwa 42.000 Fans aus Bergamo und knapp 2500 Fans aus Valencia reisten zum Spiel, standen in der Metro dicht gedrängt, brüllten Sprechchöre, teilten sich Bierbecher. So beschreiben es Augenzeugen. "Meine Frau hat drei Stunden gebraucht, um die Strecke zu bewältigen - normalerweise braucht man dazu nur 40 Minuten", so Atalanta-Offensivmann Papu Gomez gegenüber "Olé" über den Ansturm der Fans. Es sind Verhaltensweisen, die mittlerweile aufgrund der Pandemie verboten sind.

Und so brandmarken italienische Medien die Partie mittlerweile als "Spiel null". "La Republicca" schreibt von einer "Explosion der Ansteckungen", der "Corriere della Sera" gar von einer "biologischen Bombe". Gegenüber dem "Corriere dello Sport" sagte der römische Immunologe Francesco Le Foche: "Die Ansammlung von Tausenden von Menschen, wenige Zentimeter nur voneinander entfernt und im verständlichen Zustand von Euphorie können die Verbreitung viral gemacht haben."

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"Schwer zu analysieren"

Was hochdramatisch klingt, lässt sich allerdings nicht beweisen. "Wir haben keine Zahlen, die einen Anstieg der Infektionen in der Provinz Bergamo auf dieses Spiel zurückführen lassen", sagte eine Sprecherin der italienischen Covid-19-Notstandsbehörde der Sportschau. Auf einer Pressekonferenz sagt Silvio Brusaferro, der Chef des obersten Gesundheitsinstituts ISS, man werde diese Hypothese überprüfen. Aber: "Es ist schwer, es zu analysieren."

Zwei Tage nach dem Spiel in Mailand gibt es den ersten offiziell infizierten Italiener. Nochmal zwei Tage darauf wird der erste offizielle Fall in der Provinz Bergamo gemeldet, einen Tag später verstirbt der Erste in der Region - es ist der vierte Corona-Tote in Italien. Die Unternehmen aber betonen Normalität, alles läuft weiter wie gehabt, auch die Flughäfen sind weiter offen.

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Infizierter Sportjournalist reiste zurück nach Spanien

In Spanien lässt sich dagegen schon leichter ein Zusammenhang mit dem Spiel herstellen: Kike Mateu ist der vermeintliche Patient null. Ein Sportjournalist aus Valencia, der beim Spiel in Mailand dabei war - und sich offenbar dort angesteckt hat. Gegenüber "La Repubblica" sagt er: "Wahrscheinlich habe ich mich in der Bahn angesteckt, ziemlich sicher." Am 27. Februar wird er positiv getestet. Von einem Spanier, der aus Nepal in seine Heimat reiste, bereits am 13. Februar in einem Krankenhaus in Valencia behandelt wurde und Anfang März verstarb, wusste da noch niemand. Der Reisende ist inzwischen gestorben, soll aber niemanden weiter infiziert haben.

Beim FC Valencia greift das Virus nach der Rückkehr nach Spanien ebenfalls um sich: Mehrere Spieler sind positiv getestet, der Klub meldet, dass dies zudem auf insgesamt 35 Prozent der Angestellten zutrifft. Bei Atalanta Bergamo dagegen wird die erste Infektion erst an diesem Dienstag nachgewiesen, Torwart Marco Sportiello ist positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Der 27-Jährige aber ist völlig symptomfrei. Das Team um den Deutschen Robin Gosens steht ohnehin schon unter Quarantäne.

"Wussten nicht um die Schwere der Situation"

In der Lombardei, zu der Mailand und Bergamo gehören, steigen die Fallzahlen seit jenem 19. Februar exponentiell an. Bis Mittwochabend gibt es 30.703 bestätigte Infektionen. 6657 Personen gelten bereits als geheilt. Allerdings sind 4178 Infizierte verstorben - in einer Region, die etwa zehn Millionen Einwohner hat.

Ist der Fußball daran schuld? Es ist nicht auszuschließen, es gibt aber auch andere "Trigger", wie Le Foche sie nennt. Ihm zufolge handele es sich um ein "wirtschaftlich und sozial sehr aktives Gebiet", das sei ein "ideales Terrain für das Virus". Sowohl zur Wirtschaft als auch zum Sozialen lässt sich der Fußball zuordnen - und der steht zumindest nach derzeitigem Kenntnisstand am Anfang der Reihe der spanischen Infektionen, dem Journalisten Mateu. Medienberichten zufolge gilt er mittlerweile als geheilt und wurde aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Bergamo-Spieler quält die Ungewissheit, womöglich den Fußball über die Gesundheit aller gestellt zu haben: "Dass wir das Virus weiterverbreitet haben, ist fürchterlich", sagt Gomez gegenüber "Olé", aber: "Wir wussten damals noch nicht um die Schwere der Situation." Ob das Team tatsächlich diese Schuld auf sich laden muss, ist ungewiss. Wissenschaftlich lässt sich dies derzeit zumindest nicht belegen.

(Quelle: ntv.de)