Vor Ankunft der Soldaten aus Aserbaidschan

Armenier fliehen aus Berg-Karabach - und brennen ihre Häuser nieder

16. November 2020 - 16:00 Uhr

Verzweiflung und Wut im umkämpften Berg-Karabach

Zehntausende Armenier müssen nach dem Ende der Kämpfe in Berg-Karabach ihre Heimat verlassen und ihr Hab und Gut den Aserbaidschanern überlassen. Viele haben die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr offenbar verloren. Denn kurz vor dem Eintreffen der aserbaidschanischen Soldaten haben viele Dorfbewohner ihre Häuser niedergebrannt. Die Bilder aus Berg-Karabach zeigen wir im Video.

"Wir wollen nicht, dass Aserbaidschaner in unseren Häusern leben"

Nach dem Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan haben sich armenische Bewohner auf die Rückgabe umkämpfter Gebiete an Aserbaidschan vorbereitet. In den Dörfern und der Regionalhauptstadt Kalbadschar packten Bewohner ihre Koffer für die Flucht. Im Dorf Scharektar zündeten mehrere Armenier sogar ihre eigenen Häuser an, um zu verhindern, dass sie dem "Feind" in die Hände fallen. "Wir wollen nicht, dass Aserbaidschaner in unseren Häusern leben. Alle werden heute ihr Haus abbrennen", sagte eine Bewohnerin des Dorfes lokalen Medien zufolge. Auch aus anderen Regionen gibt es Berichte über ähnliche Aktionen.

Auf Bildern ist auch zu sehen, wie Gläubige ein letztes Mal den Klosterkomplex von Dadiwank in einem Gebirgstal in Kalbadschar besuchen, eine der wichtigsten Stätten der Armenisch-Apostolischen Kirche. "Es ist sehr hart, sehr schmerzhaft. Wir sind gekommen, um Abschied zu nehmen", sagte ein 40-jähriger Besucher mit Tränen in den Augen. "Ich kann nicht glauben, dass dies das letzte Mal ist, dass ich hier sein werde", sagte der 28-jährige Mjasnik Simonjan aus Wardenis in Nord-Armenien. "Dies ist das Land unserer Großväter. Diese Steine sind 800 Jahre alt", sagte er.

Ein Priester sprach bitter über die bevorstehende Übergabe des Klosters an das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan: Dieses habe "nicht die gleichen Werte wie wir". "Das Kloster gehört uns. Ich kann nicht gehen", sagte er.

Einigung als Niederlage Armeniens und Sieg Aserbaidschans gewertet

Anfang der Woche hatten sich Armenien und Aserbaidschan unter Vermittlung Russlands nach mehreren Wochen heftiger Kämpfe auf das Abkommen zum Ende aller Kampfhandlungen verständigt. Es sieht etwa die Rückgabe größerer Gebiete an Aserbaidschan vor, die bislang unter Kontrolle Armeniens gestanden haben. Die Einigung wurde als Niederlage Armeniens und als Sieg Aserbaidschans gewertet.

Kern der Übereinkunft ist der Einsatz von rund 2.000 russischen Friedenssoldaten in Berg-Karabach. Sie sollen die Einhaltung der Waffenruhe überwachen. Kommandeur Rustam Muradow sagte am Samstag der Agentur Interfax zufolge, es gebe keine Kämpfe mehr. "Wir hören heute keine Schüsse. Die Situation stabilisiert sich langsam."

Das begrüßte Kremlchef Wladimir Putin am Abend bei Telefonaten mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev und dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan, wie der Kreml in Moskau mitteilte. Unter Vermittlung Putins hatten sich die beiden Politiker auf das Abkommen verständigt.

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Armenier wütend über Einigung mit Aserbaidschan

In Armenien wächst die Wut über die Entscheidung von Regierungschef Nikol Paschinjan, weite Landstriche an Aserbaidschan abzutreten. Die armenischen Behörden vereitelten nach eigenen Angaben einen Anschlag auf den Ministerpräsidenten. Das teilte der Nationale Sicherheitsdienst in Eriwan am Samstagabend mit, wie die russische Agentur Tass berichtete. Wie es hieß, sei eine nicht näher genannte Gruppe festgesetzt und ein Waffenlager ausgehoben worden. Demnach sei ein Anschlag auf Paschinjan und eine "anschließende Machtübernahme" geplant gewesen, da diese Gruppe mit der Innen- und Außenpolitik des Regierungschefs nicht einverstanden gewesen sei. Weitere Details wurden nicht genannt.