RTL/ntv "Frühstart"

Ben Salomo: "Naidoo hat die Tür für Hildmann aufgestoßen"

31. Juli 2020 - 13:56 Uhr

"Laxe Haltung" beim Thema Antisemitismus

Viele Jahre war Ben Salomo in der deutschen Rap-Szene aktiv, bevor er vor einigen Jahren die Reißleine zog. Dem Gründer der Veranstaltungsreihe "Rap am Mittwoch" wurde es zu viel mit dem Antisemitismus. Zu oft sah er sich mit Texten konfrontiert, die ganz offen das Existenzrecht seines Heimatlandes Israel in Frage stellten. Heute will Salomo vor allem aufklären und ist in Deutschland unterwegs, um an Schulen über Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden zu sprechen.

Doch gerade in Zeiten von Corona haben Verschwörungstheorien wieder Hochkonjunktur. Und die, die sie verbreiten, haben so oft das gleiche verzerrte Weltbild: Die Juden sind schuld. Die Justiz ist dabei oftmals ohnmächtig, sagt Salomo (im Video).

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Naidoo hat Weg geebnet

Ben Salomo bei RTL in Berlin
Der Rapper Ben Salomo gründete das Berliner Hiphop-Format "Rap am Mittwoch"
© RTL, Philipp Sandmann

"Ich habe in den letzten Jahren leider immer wieder das Gefühl gehabt, dass in Bezug auf Antisemitismus eine sehr laxe Haltung existiert. Sei es in Teilen der Justiz, in Teilen der polizeilichen Behörden, auch in Teilen der Politik. Das wird so ein bisschen als ein kleines Problem am Rande wahrgenommen, was es aber für Jüdinnen und Juden in diesem Land bedeutet, was es aber für die betroffenen Menschen bedeutet, das wird nicht richtig beachtet", sagte Salomo im RTL/ntv "Frühstart.

Auch den Prozess gegen den Attentäter von Halle beschäftigt Salomo. Spätestens jetzt könne Deutschland es sich nicht mehr leisten, das Thema nicht ernst zu nehmen. Man müsse verstehen, dass aus Worten im Internet eben Taten auf der Straße folgen. Ansetzen müsste man vor allem dort, wo Verschwörungstheoretikern freie Bahn gelassen wird: "Die Grundlagen müssen geschaffen werden, dass solche Aussagen wie von Attila Hildmann oder Xavier Naidoo wirklich strafrechtlich verfolgt werden", sagt Salomo.

Weiter sagt der Rapper: "Wenn wir Xavier Naidoo nehmen: Der hat schon eine Tür aufgestoßen für Attila Hildmann, indem im Oktober letzten Jahres entschieden worden ist, dass Xavier Naidoo nicht als Antisemit bezeichnet werden darf." Für Jüdinnen und Juden sei dieses Gerichtsurteil ein "Skandal, weil uns Nachfahren der Überlebenden des Holocaust damit das Vokabular geraubt wird, um die Antisemiten unserer Zeit als das zu bezeichnen, was sie sind."

Doch vor allem in einem Punkt macht sich Salomo große Sorgen: "Eine Kultur des Wegsehens hat sich in diesem Land entwickelt und diese Kultur des Wegsehens ist im Prinzip das, was der jüdischen Minderheit in diesem Land das Gefühl gibt, dass es hier keine Zukunft gibt." Diese Entwicklung vergrößere den Raum für gefährliche Ideologien. Die, die sie verbreiten, schrecken dann auch vor Gewalt nicht mehr zurück.

Antisemitismus als Geschäftsmodell

Auch im Hiphop-Geschäft stießen diese Hassbotschaften und Verschwörungstheorien auf einen fruchtbaren Boden, sagt Salomo. Unlängst machte der Rapper Sido mit Aussagen über die jüdische Familie Rothschild auf sich aufmerksam und bediente ebendiese antisemitischen Verschwörungstheorien. Doch auch in Großbritannien sorgte der Rapper Wiley für einen Skandal, weil dieser sich über vermeintliche "jüdische Privilegien" empörte. Der Rapper wurde nun vom Kurznachrichtendienst Twitter gesperrt.

Salomo erklärt: "Viele Rapper sehen sich dann mit der Zeit auch als so eine Art Aufklärer. Sie fangen an, diese Dinge zu glauben und sind der Ansicht, sie müssten ihr 'Geheimwissen' auch an ihre Fanbase weitertragen, um sie auch zu erwecken." Auch würden die Musiker feststellen, dass man in einem "bestimmten Teil der Bevölkerung" sehr beliebt werde, wenn man diese Thesen reproduziert. "Einige haben es dann auch zu einer Art Geschäftsmodell gemacht", sagt Salomo.

TVNOW-Dokus: Corona und die Folgen

Das Corona-Virus hält die Welt seit Wochen in Atem. Auf TVNOW finden Sie jetzt spannende Dokumentation zur Entstehung, Verbreitung und den Folgen der Pandemie.

Weitere Videos zum Thema Coronavirus finden Sie hier