"Sie haben mit schrecklicher Brutalität zugeschlagen"

Freigelassene in Belarus berichten von Misshandlungen

15. August 2020 - 12:59 Uhr

Nach Protesten in Belarus: Aus dem Gefängnis entlassen mussten mehrere Menschen sofort ins Krankenhaus

Nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis in Belarus (Weißrussland) haben viele Menschen in dem von blutigen Protesten erschütterten Land von schwersten Misshandlungen berichtet. In Videos schilderten Frauen und Männer, dass sie kaum ernährt und in engsten Zellen stehend zusammengepfercht worden seien. Viele Bürger zeigten - nur in Unterwäsche bekleidet - ihre mit Platzwunden und großen blauen Flecken von Schlägen übersäten Körper. Mehrere Entlassene mussten sofort ins Krankenhaus gebracht werden, wie Medien in der belarussischen Hauptstadt Minsk berichteten.

Freigelassene berichten von Misshandlung: "Überall war viel Blut"

 MINSK, BELARUS - AUGUST 14, 2020: A woman sits on a kerb while detained protesters leave a temporary detention facility. Following the announcement of the election results on 9 August, mass protests erupted in major cities across Belarus, escalating
Nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis in Belarus (Weißrussland) haben viele Menschen in dem von blutigen Protesten erschütterten Land von schwersten Misshandlungen berichtet.
© imago images/ITAR-TASS, Nataliya Fedosenko via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Zuvor hatte Präsident Alexander Lukaschenko, der als "letzter Diktator Europas" bezeichnet wird, die Freilassung von Gefangenen angeordnet. Innenminister Juri Karajew entschuldigte sich, dass bei den Protesten gegen Fälschung der Ergebnisse der Präsidentenwahl vom Sonntag auch viele Unbeteiligte festgenommen worden seien. So etwas passiere, meinte er. Bis zum Morgen sollten mehr als 1.000 der insgesamt rund 7.000 Gefangenen freigelassen werden.

Frauen schilderten nach der Freilassung aus dem Gefängnis auf der Okrestin-Straße in Minsk unter Tränen, dass sie geschlagen worden seien. In Zellen mit vier Betten seien 35 Frauen gewesen, sagte eine Freigelassene dem Portal tut.by. "Sie haben mit schrecklicher Brutalität zugeschlagen", sagte sie. "Überall war viel Blut."

EU hatte Freilassung der Gefangenen gefordert

Es war das erste Mal seit Tagen, dass der Machtapparat unter Lukaschenko einlenkte. Tausende hatten auch am Donnerstag seinen Rücktritt gefordert, nachdem er sich zum sechsten Mal zum Sieger der Präsidentenwahl hatte erklären lassen. Lukaschenkos Sprecherin kündigte eine Rede des Präsidenten an das Volk für Freitag an.

Mit der Freilassung reagierte der Machtapparat erstmals auch auf Forderungen der EU, das gewaltsame Vorgehen gegen friedliche Bürger zu beenden. Die EU hatte die Freilassung der Gefangenen gefordert. Tausende sitzen aber weiter in den Gefängnissen. An diesem Freitag wollen die EU-Außenminister über die Lage in der Ex-Sowjetrepublik beraten.

Dem Staatschef wird von der Opposition in seinem Land und der EU vorgeworfen, die Wahl am vergangenen Sonntag zu seinen Gunsten manipuliert zu haben und die Versammlungs-, Medien- und Meinungsfreiheit einzuschränken. Er soll nach offiziellen Angaben die Abstimmung mit mehr als 80 Prozent der Stimmen gewonnen haben. Die Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja nimmt aber einen Sieg für sich in Anspruch.

Bereits fünf Tage in Folge gingen die Menschen auf die Straße. In der Nacht zum Freitag blieben die Proteste Berichten zufolge zunächst friedlicher als in den Nächten zuvor. Am Donnerstag legten Menschen in vielen wichtigen Staatsbetrieben ihre Arbeit nieder, auch zahlreiche Ärzte waren unter den Streikenden. Zudem bildeten die Bewohner Menschenketten, Tausende Frauen verteilten Blumen.


Quelle: DPA/ RTL.de