Bekommen östliche EU-Staaten schlechtere Nahrungsmittel als der Westen?

Ein Einkaufswagen mit verschiedenen Lebensmitteln wie Eier, Bananen, Orangen, Nutella, Cornflakes, Rapsöl und Toastbrot wird am Montag (10.01.2011) durch einen Supermarkt in Mülheim (Ruhr) geschoben (Aufnahme mit langer Versch
Lebensmitteleinkauf im Supermarkt: Andere Länder, andere Waren. Aber, so der Vorwurf aus Osteuropa: Markenware ist im Westen von besserer Qualität.
dpa, Julian Stratenschulte

Nutella ist gleich Nutella und sie schmeckt überall identisch. Und das unabhängig davon, in welchem Land man sie isst - oder etwa doch nicht? Das bestreiten zumindest gleich mehrere Staaten aus Osteuropa und werfen verschiedenen Lebensmittelkonzernen vor, höhere Qualität auf die westlichen Märkte zu liefern.

Weniger Fleisch, aber mehr Fett und Flüssigkeit in der Wurst

Osteuropäische Verbraucher fühlen sich verunsichert: Bekommen sie beim Griff in das Supermarktregal auch wirklich das, was ihnen in der Werbung angepriesen wird? Oder verbirgt sich für den heimischen Markt schlechtere Qualität hinter den überall gleichen Markennamen?

Das wollen nun gleich mehrere Lebensmitteltests aus Tschechien, Ungarn, Polen und der Slowakei bewiesen haben. So zeigten zum Beispiel Proben des slowakischen Agrarministeriums in Bratislava große Qualitätsunterschiede bei Wurst: Im Gegensatz zur österreichischen Variante sei in der osteuropäischen Wurst weniger Fleisch, dafür aber mehr Fett und Flüssigkeit enthalten. Zu ähnlichen Ergebnissen kam Tester auch in Tschechien. Das Verbrauchermagazin 'DTest' aus Prag testete verschiedene Nuss-Nougat-Cremes, die sowohl in Deutschland und Italien, als auch in Polen und Slowenien eingekauft wurden. Ergebnis: Die deutsche Variante stach beim Kakao-Anteil der Creme heraus.

Studien der Universität in Prag ergaben außerdem schon im Jahr 2015, das tschechische 'Pepsi' mit Sirup, anstatt wie in Deutschland mit echtem Zucker, gesüßt wird. Auch in Sachen Fischstäbchen soll der östliche EU-Staat im Nachteil sein: Die Studien sollen rund sieben Prozent weniger Fisch als in den westlichen Pendants bescheinigt haben.

Visegrád-Staaten fühlen sich wie der "Mülleimer Europas"

Die gelieferten Testergebnisse sorgten bei den osteuropäischen EU-Staaten für Empörung. Sowohl Verbrauchverbände als auch Politiker kritisierten die Qualitätsunterschiede scharf: "Der Preis ist gerade bei Produkten mit klingendem Markennamen oft genauso hoch (wie in westlichen Staaten) und die Qualität trotzdem schlechter", bemängelt etwa Milos Lauko vom slowakischen Verbraucherverband.

Robert Fico, slowakischer Regierungschef, nennt die Situation "erniedrigend und inakzeptabel" und mahnt, dass es keine "EU-Bürger erster und zweiter Klasse" geben darf. Der tschechische Landwirtschaftsminister Marian Jurečka betonte außerdem, dass sich die sogenannten Visegárd-Staaten wie der "Mülleimer Europas" fühlen.

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Niedrigere Qualität wegen geringerer Preise?

Die Hersteller reagierten auf die Vorwürfe bislang mit Zurückhaltung. 'Coca-Cola' und 'Ferrero' erklärten, dass die Rezeptur ihrer Produkte auf örtlichen Geschmackstests basiere und die Geschmäcker nun mal von Land zu Land unterschiedlich seien. In Frankreich sei Nutella beispielsweise flüssiger als in anderen Ländern, damit es leichter auf dem dort üblichen weichen Weißbrot verstrichen werden kann. Damit sollen die Firmen aber nicht bewusst an der 'Qualitätsschraube' gedreht haben.

Andere Konzerne beriefen sich allerdings auch auf die geringere Kaufkraft in Osteuropa: Weil die Preise oftmals geringer seien, sei auch die Qualität nicht dieselbe. Das tschechische Verbrauchermagazin 'DTest' widerlegte die Aussage, indem es darauf hinwies, dass Fleisch und Fisch in Osteuropa sogar häufig teurer als im westlicheren Europa seien.

Unterschiedliche Rezeptur nicht unbedingt strafbar

Die Regierungschefs aus Tschechien, Ungarn, Polen und der Slowakei wollen bei einem Sondertreffen den Druck auf die anderen EU-Staaten erhöhen. "Wir werden von der EU-Kommission verlangen, diese Praktiken umgehend zu verbieten. Unsere Bürger dürfen nicht länger erniedrigt werden", forderte Robert Fico.

Die Verbraucherschutzverbände rechnen dem Vorstoß allerdings keine großen Chancen bei. So lange die genauen Inhaltsstoffe auf der jeweiligen Verpackung angegeben sind, ist eine unterschiedliche Rezeptur der Produkte nach europäischer Gesetzgebung nicht strafbar.