Wäre eine solche Explosion in Deutschland möglich?

Beirut-Explosion: Sprengstoff-Experte Sven Schrader erklärt Ammoniumnitrat

Nach der schweren Explosion in Beirut
© dpa, Thibault Camus, mka nwi

07. August 2020 - 20:18 Uhr

Sprengstoff-Experte Sven Schrader erklärt den möglichen Hergang der Explosion

Die Explosion in Beirut wurde offenbar durch 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat ausgelöst. Eine weiße, geruchlose und schwerentzündliche Substanz, die für Düngemittel und Sprengstoff verwendet wird. Es ist bei weitem nicht die erste Explosion, die durch dieses Salz ausgelöst wurde. In Deutschland, in Oppau bei Ludwigshafen, detonierten 1921 in einem Düngemittelwerk rund 400 Tonnen Ammoniumsulfat Nitrat. Die Explosion vor knapp 100 Jahren kostete fast 560 Menschen das Leben. Alle Fragen rund um Ammoniumnitrat klärt Sprengstoff-Experte Sven Schrader im RTL-Interview.

Was ist Ammoniumnitrat und wofür wird die Substanz verwendet?

Sven Schrader (Sprengstoffexperte) über die Explosion von Ammoniumnitrat in Beirut im RTL-Interview
Sprengstoff-Experte Sven Schrader im RTL-Interview
© RTL

Schrader: Ammoniumnitrat ist ein weißes, geruchloses und schwerentzündliches Salz. Es wird als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt. So ist es eine natürliche chemische Stickstoffquelle für unsere Pflanzen um eine Ertragssteigerung zu erzielen. Außerdem ist das Salz einer der Hauptbestandteile des industriell gefertigten Sprengstoffes.

Warum ist Ammoniumnitrat gefährlich?

Schrader: Dieser Stoff ist massenexplosiv. Das bedeutet: Ammoniumnitrat explodiert nicht langsam und nacheinander, sondern am Stück. Der komplette Bestand wird in einem Moment "umgesetzt". Das passt auch zu den Videos, die wir aus Beirut kennen. Das war eine Massenexplosion.

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die dafür sorgen können, dass diese Substanz so explosiv reagiert. Dazu zählen ein gewisser, aufgelegter Druck, eine hohe Umgebungstemperatur und eine mechanische Beanspruchung.

Ammoniumnitrat-Explosionen im Video

Was hat die Explosion in Beirut ausgelöst?

Aus der Sicht des Sprengstoff-Experten Sven Schrader war die Explosion in Beirut eine Verkettung unglücklicher Ereignisse.

Seit 2013 lagerten 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut. Durch diese enorme Masse unterlag die Substanz also nicht nur einem enormen Druck, sondern war auch einem Alterungsprozess unterworfen. Durch die Verschmutzung, beispielsweise durch Staub, kann schnell aus dem, an sich harmlosen Salz, ein explosiver Sprengstoff werden. Durch den Brand wurde die Umgebungstemperatur von 300 Grad Celsius schnell überschritten. Durch die Feuerwerkskörper, wie auch auf dem Video ersichtlich, kam es zu einer mechanischen Einwirkung, die letztlich zu der Massenexplosion in Beirut führte.

Ist so eine Lagerung von Ammoniumnitrat auch in Deutschland möglich? Welche Sicherheitsvorkehrungen müssen hier erfüllt werden?

Schrader: Nein! Deutschland hat eine der strengsten sprengstoffrechtlichen Vorschriften, die es weltweit gibt. Die Sicherheit steht an erster Stelle und wird ständig kontrolliert. Bei der Lagerung gibt es bestimmt Trennvorrichtungen, beispielsweise spezielle Mauerwerke. So wird ein Übergreifen von detonativen Wellen verhindert, die am Ende eine Massenexplosion auslösen könnten.

Es sind strikte Mengenbeschränkungen einzuhalten, auch um keinen Druck durch die Masse entstehen zu lassen. Bei der Lagerung hier zu Lande wird darauf geachtet, dass der Stoff nicht verunreinigt wird, weil er ansonsten sprengkräftig werden kann. Offene Feuer, Funken oder Lichtquellen sind durch Brandschutzvorrichtungen auszuschließen.

Ist so eine Explosion wie in Beirut auch in Deutschland denkbar?

Die Lagerung ist hierzulande so strikt geregelt, dass so eine Katastrophe in Deutschland für Sprengstoffexperte Sven Schrader nicht denkbar wäre.