Befreiungsschlag verpasst: Läuft Poldis Zeit ab?

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15. November 2014 - 9:27 Uhr

Aus Nürnberg berichtet Daniel Grochow

Es hätte sein persönlicher Befreiungsschlag werden sollen, doch am Ende musste sich Lukas Podolski als kleiner Verlierer fühlen. Beim 4:0-Erfolg der DFB-Auswahl gegen Gibraltar agierte der Arsenal-Profi weitestgehend glücklos - wieder einmal. Nach einem mehr als dürftigen Jahr im DFB-Trikot drängt sich die Frage auf, ob die Tage von Podolski in der Nationalmannschaft nicht doch so langsam gezählt sind.

Wenn am Ende in einem Zeugnis geschrieben steht, der Arbeitnehmer sei stets bemüht gewesen, nun ja, dann heißt das meist nichts Gutes. Der Arbeitsnachweis von Lukas Podolski im Spiel gegen Gibraltar liest sich zunächst nicht so verkehrt: Drei Torschüsse, zwei Treffer vorbereitet, 97 Prozent seiner Pässe angekommen - Poldi hat sicherlich schon schlechtere Spiele gemacht. Das Problem ist, dass es in diesen Partien nicht wie jetzt gegen eine Amateurmannschaft ging und der Prinz da noch nicht in der Bringschuld stand.

"Manche, von denen ich gedacht hatte, sie würden sich heute aufdrängen, von denen war ich sehr enttäuscht", sagte Joachim Löw nach dem enttäuschenden Kick gegen Gibralter ins RTL-Mikro. Später, bei der Pressekonferenz, ging der Bundestrainer auch noch näher auf Podolski ein. "Lukas hatte in der 1. Halbzeit die ein oder andere gute Aktion. Immer, wenn er in die Tiefe geht, ist er gut. Das sind seine Aktionen, daran muss er arbeiten", so Löw. Voraussetzung dafür sei aber, dass Podolski regelmäßig spiele. "Im Moment muss man leider sagen, hat er das seit fast einem halben Jahr nicht. Letztendlich müssen wir überlegen und er auch, was das nächste Jahr für ihn bringt."

Tags zuvor waren es bereits deutliche Worte, die Löw dem Sorgenkind der deutschen Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Gibraltar mit auf den Weg gegeben hatte. Er habe ihm mitgeteilt, dass es "zwingend notwendig ist, irgendwo regelmäßig zu spielen", so die Ansage des Bundestrainers an Lukas Podolski, der sich "Gedanken machen" solle. Löw sei zwar weiterhin von Poldis Fähigkeiten überzeugt, doch er kann es sich schlichtweg nicht mehr leisten, einen verdienten Nationalspieler und lieb gewonnenen Menschen nur aus Macht der Gewohnheit in den Kader zu berufen. Läuft Podolskis Zeit in der Nationalmannschaft etwa ab?

Vom gefeierten Youngster zum Auslaufmodell

Die Antwort des England-Legionärs, sie hätte besser sein können: In der Partie gegen die Fußball-Zwerge vom Affenfelsen wirkte das Spiel von Podolski oft behäbig. Zwar bereitete er das 2:0 von Thomas Müller mustergültig vor, ansonsten fehlte dem 29-Jährigen aber vor allem in der 1. Halbzeit die richtige Bindung zum Spiel. Sein erster Torversuch, ein Distanzschuss (11.), ging genauso über den Kasten wie ein Kopfball (14.). Als ihm das Leder in der 36. Minuten bei einer Flanke vom Schlappen rutschte, ging das erste Raunen durch das Stadion.

Es ist nicht mehr der Lukas Podolski, der sich nicht nur mit seiner ganz eigenen Art, sondern auch mit seinen fußballerischen Fähigkeiten in die Herzen der deutschen Fans gespielt hat. Unvergessen seine Auftritte bei der Heim-WM 2006, als der damalige Kölner drei Tore schoss und von der FIFA zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt wurde - noch vor den heutigen Superstars Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Podolski, so die Experten, gehöre die Zukunft.

Acht Jahre später, da sind die Kritiker anderer Meinung. Der einst gefeierte Youngster habe nicht mehr das Niveau, um sich mit den starken Konkurrenten in der Weltmeister-Mannschaft zu messen - eine Einschätzung, die sich beim Spiel in Nürnberg bestätigte. Weil auf der Außenbahn nur ein Fremdkörper, versuchte Podolski sein Glück nach dem Seitenwechsel oft durch die Mitte. Hier lief er sich fest, hinzu kamen Probleme bei der Ballannahme (52.), ein Freistoß in die Mauer (56.) sowie ein Distanzschuss in den Abendhimmel (76.).

Selbst als er das Eigentor zum Endstand auflegte, wollte ihm nicht das übliche Lachen über die Lippen kommen. Poldi weiß selbst nur zu gut, dass er seine Bewährungschance wieder einmal nicht genutzt hat. "Natürlich kann ich mehr", sagte er am späten Abend in der Mixedzone, räumte aber auch ein, dass ihm die Spielpraxis und deshalb auch die Frische fehle. Kommt beides im neuen Jahr nicht zurück, wird Podolski die Länderspiele bald am Fernseher verfolgen können.