Bedroht der versehentliche US-Luftangriff die Waffenruhe in Syrien?

19. September 2016 - 10:47 Uhr

Absicht oder Versehen? Die Fronten zwischen Russland und den USA verhärten sich

Die Waffenruhe in Syrien steht kurz vor dem Scheitern. Auf der Jagd nach der Terrormiliz IS hat die US-Luftwaffe anscheinend versehentlich syrische Regierungstruppen angegriffen. Es wird von mindestens 90 Toten und weiteren 100 Verletzten ausgegangen.

US-Botschafterin Samantha Power wirft Russland Effekthascherei vor

Der Luftangriff hatte sich in der Nähe des Flughafens von Dair as-Saur ereignet. Fälschlicherweise sei die von den USA geführte Koalition davon ausgegangen, dass es sich bei der Zielposition um Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt habe, teilte das US-Zentralkommando mit. Einheiten des US-Geheimdienstes hätten die Zielposition für eine erhebliche Zeit beobachtet. Der Angriff wurde abgebrochen, als Russland die USA darauf hinwies, dass es sich um syrische Regimetruppen handelte.

Der vermutlich irrtümliche Luftangriff der von den USA geführten Koalition auf syrische Regierungssoldaten löste ein schweres Zerwürfnis zwischen Washington und Moskau aus. Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin verlies eine kurzfristig einberufene Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats am Samstagabend bei Ankunft seiner amerikanischen Kollegin Samantha Power. Zudem bezeichnete er den Angriff als möglicherweise gewollt.

Tschurkin erklärte, es sei möglich, dass der "rücksichtslose" Luftangriff ausgeführt wurde, um die Umsetzung der mühsam ausgehandelten Syrien-Vereinbarung zu behindern. Aus seiner Sicht verletzten die USA damit die Waffenruhe. Er erklärte: "Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was der nächste Schritt sein wird." Als endgültig gescheitert bezeichnete er die Vereinbarung aber nicht. Power bezichtigte Russland der Effekthascherei. "Selbst nach russischen Standards ist die Nummer von heute Abend - eine Nummer voller Moralismus und Effekthascherei - auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig", sagte Power.

Sie zeigte sich empört, dass Russland eine Dringlichkeitssitzung einberief, unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime aber unbeantwortet gelassen hatte. Power drückte das Bedauern der USA aus, dass bei dem Angriff Menschen ums Leben gekommen seien. Nach Angaben des US-Zentralkommandos brach die Koalition den Angriff sofort ab, als russische Vertreter Verantwortliche der Koalition darauf aufmerksam gemacht hätten, dass das Ziel möglicherweise syrische Regierungssoldaten waren.

Mindestens 90 Regierungssoldaten kamen bei dem Angriff ums Leben

Das russische Verteidigungsministerium sprach am Samstagabend unter Berufung auf das örtliche syrische Kommando von mehr als 60 getöteten Regierungssoldaten. Etwa 100 seien verletzt worden. Mittlerweile wird von mehr als 90 Toten ausgegangen.

Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, seien Stellungen der Armee in der Nähe eines Militärflughafens in der Provinz Dair as-Saur angegriffen worden. Es ist das Kernland der Islamisten, syrische Regierungstruppen kontrollieren hier nur kleine Gebiete. Direkt nach dem Luftangriff seien Kämpfer des IS am Boden in die Offensive gegen den Stützpunkt gegangen.

Auch das IS-Sprachrohr Amak berichtete vom Vorrücken der Dschihadisten. Den Moskauer Angaben zufolge kamen die Flugzeuge der Koalition aus dem Irak in den syrischen Luftraum und flogen vier Angriffe. Auch Kampfhubschrauber waren nach Berichten der Beobachtungsstelle für Menschenrechte an dem Angriff beteiligt. Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, schloss nicht aus, dass die Attacke ein Versehen sei. Er führte den Fehler auf die Weigerung der USA zurück, ihr militärisches Vorgehen gegen terroristische Gruppen in Syrien mit Russland abzustimmen.

Am Montagabend war eine Waffenruhe in dem Bürgerkriegsland in Kraft getreten, die die USA und Russland verhandelt hatten. Angriffe gegen islamistische Gruppen sind von der Feuerpause ausgenommen. Während die Gewalt in Syrien zunächst auch deutlich zurückgegangen war, flammten die Kämpfe in den vergangenen Tagen immer häufiger wieder auf und es kam zu zahlreichen Brüchen der Waffenruhe. Auch humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen gelangte bislang noch nicht in die umkämpften Gebiete.