2018 M11 8 - 19:10 Uhr

Pflegende Angehörige sind oft überfordert

Wer kümmert sich um mich, wenn ich alt bin? Weil in der Pflege Fachkräfte fehlen, müssen immer mehr Angehörige den Job des Pflegenden übernehmen und sind damit oft extrem überlastet. Die Pflege ist oft ein Fulltime-Job, der viele körperlich und psychisch überfordert und selbst krank macht. Wie dramatisch die Situation bereits heute ist, zeigen die Ergebnisse des Barmer-Pflegereports 2018.

Viele Pflegende mussten ihren Job aufgeben

Laut Pflegereport gibt es in Deutschland rund 2,5 Millionen pflegende Angehörige, davon rund 1,65 Millionen Frauen. Nur ein Drittel aller Betroffenen geht arbeiten, jeder Vierte aber hat seine Arbeit aufgrund der Pflege reduziert oder ganz aufgeben müssen. Viele der Personen, die Angehörige zu Hause pflegen, stehen an der Grenze ihrer Belastbarkeit und sind kurz davor, diesen Dienst einzustellen: 6,6 Prozent (das sind 164.000 Personen) wollen nur weiter pflegen, wenn sie mehr Hilfe bekommen, rund ein Prozent will das auf keinen Fall länger tun.

Schlafmangel und Existenzängste sind keine Seltenheit

Für viele ist es eine Herzenssache, ältere oder kranke Familienangehörige zu pflegen - doch oft macht dieser Dauerstress auch krank. Laut Pflegereport fehlt 40 Prozent der Befragten Schlaf und 30 Prozent fühlen sich in ihrer der Rolle als Pflegender gefangen. Spontane Ausflüge sind kaum möglich, da der Pflegebedürftige meist rund um die Uhr versorgt werden muss.

Für 85 Prozent der Befragten bestimmt die Pflegen den Alltag. Die Hälfte von ihnen kümmert sich täglich zwölf Stunden und mehr um den Pflegebedürftigen. Als Pflegende müssen sie immer da sein – Tag und Nacht. Da bleibt kaum Zeit für sich selbst. Jeder einzelne Schritt muss geplant werden, eine längere Auszeit ist nur schwer möglich, da fast die Hälfte der Hauptpflegepersonen niemanden findet, der sie für eine längere Zeit vertreten kann.

Barmer-Chef Christoph Straub warnt vor Pflegenotstand

Häusliche Pflege
Wer Angehörige zu Hause pflegt, stößt dabei oft an seine Grenzen.
© deutsche presse agentur

60 Prozent der Angehörigen wünschen sich Hilfe und Unterstützung bei der Pflege. Zwar gibt es Hilfsangebote wie Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Haushaltshilfen, allerdings werden diese bisher kaum genutzt. Knapp 440.000 pflegende Angehörige nehmen Kurzzeitpflege und je knapp 380.000 Personen die Tagespflege sowie Betreuungs- und Haushaltshilfen nicht in Anspruch.

Die Begründung: Neben fehlenden Angeboten zweifeln die meisten Angehörigen entweder an deren Qualität oder scheuen die Kosten. Für Barmer-Chef Christoph Straub sind die Ergebnisse besorgniserregend: "Wir können es uns nicht leisten, auf deren Dienste zu verzichten, weil sie an ihre Grenze kommen, sich allein gelassen fühlen, weil sie körperlich und psychisch völlig erschöpft sind", warnt er. Das System sei jedoch auf die Arbeit pflegender Angehöriger "schlicht und ergreifend angewiesen", sagt Straub. Und damit droht der Pflegenotstand in Deutschland, sich immer weiter zuzuspitzen.