Corona-Chaos in Bayern

Banges Warten auf den Test: „Vor allem meine Schwiegermutter hat Angst“

13. August 2020 - 16:25 Uhr

Rund 900 Menschen sind infiziert - und wissen es aber nicht

Sie sollten ein wichtiger Schritt in der Bekämpfung der Corona-Pandemie sein – jetzt machen sie durch eine Mega-Panne Schlagzeilen: Die Corona-Tests an den Autobahnen. 44.000 Reiserückkehrer haben nach den Tests noch kein Ergebnis zugeschickt bekommen. Besonders kritisch: Rund 900 Menschen sind infiziert – und wissen nichts davon. Das ist bitter – und bringt auch den Ministerpräsidenten Markus Söder in Bedrängnis, der sich bisher gerne als Macher und Mahner in der Krise präsentierte und seine Konkurrenten oft für ihr Krisenmanagement kritisierte.

Söder hat inzwischen Fehler der Behörden eingeräumt. "Da ist eine Panne passiert, und zwar eine große Panne", sagte Söder nach einer Krisensitzung. "Nicht in der Strategie, sondern in der Umsetzung." Er warnte vor bundesweit steigenden Fallzahlen: "Wenn wir nicht aufpassen, stehen wir in einigen Wochen vor einer ganz schwierigen Situation." Es werde in den kommenden Wochen bei der Rückkehr von Urlaubern oder dem Schulstart noch viele Probleme geben: "Wer glaubt, dass Corona ausgesessen und vorbei ist, der wird sich getäuscht sehen."

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„Dass das so lange dauert, konnte ja keiner ahnen“

Jana Weller und ihre Tochter: Nach dem Kroatien-Urlaub habe sie sich testen lassen - noch immer gibt es kein Ergebnis.
Jana Weller und ihre Tochter: Nach dem Kroatien-Urlaub habe sie sich testen lassen - noch immer gibt es kein Ergebnis.
© RTL

Jana Wellert ist eine von den Getesteten, die sich jetzt Sorgen machen. Die Thüringerin war mit ihrem Mann, der 21-jährigen Tochter, der Schwester, dem Schwager und der Schwiegermutter in Kroatien. Letztere gehört mit ihren 75 Jahren natürlich zur Risiko-Gruppe und hat jetzt die größte Angst.

"Als wir gesehen haben, dass man sich kostenlos testen lassen kann, habe ich zu meinem Mann gesagt: 'Da fahren wir mal ran'". Symptome hat bisher keiner in der Familie, aber diese Ungewissheit belastet sie. "Dann fragt man sich, 'ist das jetzt Halsweh' oder bei jedem Niesen hat man schon ein bisschen Angst".

Am Samstag sind sie zurückgekommen, noch liegt kein Ergebnis vor. Sie würden sich jetzt so gut es geht isolieren. "Dass das so lange dauert, konnte ja keiner ahnen."

Was passiert jetzt mit den Infizierten? Wie viele könnten Sie angesteckt haben? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Test-Chaos in Bayern können Sie hier nachlesen.

Spahn: "Söder hat ja selbst gesagt, das sei sehr ärgerlich. Das ist ohne Zweifel so."

12.08.2020, Berlin: Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, kommt zur Sitzung des Bundeskabinetts. Foto: Tobias Schwarz/AFP-POOL/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Gesundheitsminister Jens Spahn: „Grundsätzlich bin ich sehr dankbar dafür, dass wir umfangreich testen, dass auch die Bayern es möglich machen. Aber dann müssen natürlich auch die Ergebnisse übermittelt werden.“
© dpa, Tobias Schwarz, fgj

Grund für die Verzögerungen seien vor allem Probleme bei der händischen Übertragung von Daten und eine unerwartet hohe Nutzung des Angebots, erklärte der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Andreas Zapf.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn äußert sich relativ zurückhaltend. "Ministerpräsident Markus Söder hat ja selbst gesagt, das sei sehr ärgerlich. Das ist ohne Zweifel so. Gleichzeitig ist es so, dass in außergewöhnlichen Zeiten auch Fehler passieren", sagte der CDU-Politiker im ZDF-Morgenmagazin". "Entscheidend ist, dass sie transparent gemacht werden und sie dann schnell behoben werden. Und das macht die bayerische Staatsregierung."

Spahn fügte hinzu: "Grundsätzlich bin ich sehr dankbar dafür, dass wir umfangreich testen, dass auch die Bayern es möglich machen, zum Beispiel bei der Einreise mit dem Auto an den Raststätten zu testen. Aber dann müssen natürlich auch die Ergebnisse übermittelt werden."

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte im RTL-Interview: "Zunächst einmal auf der 'Haben Seite' ist, dass die Tests schnell gemacht werden und es zeigt sich ja, wie nötig sie sind. Ungefähr zwei bis zweieinhalb Prozent der Reiserückkehrer sind positiv. Das ist sehr viel und daher darf sich so eine Panne auf keinen Fall wiederholen." Er mahnte auch an, dass unbedingt weiter getestet werden müsse. 

FDP: Bayrisches Staatsversagen!

Lauter ist da die Opposition: Die FDP spricht von einem Staatsversagen in Bayern. "Offensichtlich hat sich Bayern mit seiner Teststrategie hier verhoben. Und es gibt ein eklatantes Regierungsversagen der Staatsregierung in München", sagte FDP-Innenexperte Konstantin Kuhle in der Sendung "Frühstart" von RTL/ntv.

Grünen-Chefin Annalena Baerbock hat die Panne als "schweres Versäumnis" kritisiert und sieht CSU-Chef Markus Söder persönlich in der Verantwortung. "Wer sich als Ministerpräsident permanent als Krisenmanager inszeniert und sich selbst ständig auf die Schulter klopft, ist auch in der Verantwortung sicherzustellen, dass es funktioniert", sagte Baerbock. Gerade in der Krise sei es für das Vertrauen in den Staat unabdingbar, dass Ankündigung und Handeln Hand in Hand gingen. "Diese Fehler müssen unverzüglich abgestellt werden."

Seit dem 25. Juli können sich Reisende bei der Ankunft an den Flughäfen München und Nürnberg testen lassen, seit Anfang August in Memmingen. Zunächst war das Angebot freiwillig. Für Urlauber aus Risikogebieten greift seit Samstag bundesweit eine Testpflicht.

Darüber hinaus hatte die Staatsregierung seit Ende Juli Teststationen an den Hauptbahnhöfen München und Nürnberg sowie an den Autobahnraststätten Hochfelln-Nord (A8), Inntal-Ost (A93) und Donautal-Ost (A3) einrichten lassen. Diese wurden zunächst von Hilfsorganisationen betrieben. Seit dieser Woche übernehmen nach und nach private Anbieter den Betrieb. Damit soll auch die Datenübertragung an allen Stellen digitalisiert werden.

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