Viel Aufwand für die doppelte Staatsbürgerschaft

Bald very british: Warum der Brexit unseren London-Korrespondenten zum Engländer macht

29. Januar 2020 - 11:04 Uhr

von Ulli Oppold aus London

Zugegeben: "Very British" fühle ich mich immer noch nicht, als Münchner nach sieben Jahren im Vereinigten Königreich. Aber ich liebe den britischen Humor und genieße das Leben in London – diese faszinierende Metropole ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Damit ich auch weiter ohne Visum hier leben und arbeiten kann, habe ich kurz vor dem Brexit mit meiner Familie die britische (doppelte) Staatsbürgerschaft beantragt.

Wenn unsere Zwillinge (15) später vielleicht in Großbritannien studieren wollen, könnten sie das als britische Staatsbürger ohne Mehrkosten tun. Als Deutsche aber hätten sie womöglich das Nachsehen: Denn Ausländer zahlen in der Regel höhere Studiengebühren als Briten – und auch die meisten EU-Stipendien fallen nach dem Brexit weg.

Beim Einbürgerungs-Test kommen auch die Briten ins Grübeln

Korrespondent Ulli Oppold in London
Korrespondent Ulli Oppold in London
© RTL

Um eingebürgert zu werden, muss man mindestens fünf Jahre in Großbritannien gelebt haben, einen Englischtest und ein Examen in Staatsbürgerkunde bestehen – 24 Fragen in 45 Minuten. Das Buch der Einwanderungsbehörde hat mich viel Zeit und Nerven gekostet. Denn die 180 Seiten über Geschichte, Politik, Sport und Unterhaltung in Großbritannien muss man fürs Examen fast auswendig können. Trainieren lassen sich die Test-Fragen online – aber im Ernst, da kommen selbst Engländer ins Grübeln. Ein paar Beispiele gefällig?

  • Wie heißt der Erfinder des World Wide Web? (Tim Berners-Lee)
  • Wie viele Abgeordnete hat das schottische Parlament? (129)
  • Welcher König wurde 1649 hingerichtet? (Charles der Erste)

Vom Erntehelfer bis zum Universitätsprofessor müssen sich alle rund drei Millionen EU-Bürger in Großbritannien registrieren lassen, also eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Sie wird für alle, die noch keine fünf Jahre im Land leben, zunächst nur vorläufig erteilt – das nennt sich "pre-settled status". Wer länger als fünf Jahre in Großbritannien gelebt hat, kann sich dann für ein unbefristetes Aufenthaltsrecht ("settled status") bewerben. So steht es im Scheidungsvertrag mit der EU.

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Im Video nehmen wir Sie mit hinter die Kulissen unseres RTL-Studios in London!