In einigen Dörfern gibt es keine Kleinkinder mehr: Millionen in Nigeria droht der Hungertod

03. Februar 2017 - 17:07 Uhr

UN warnt vor einer neuen Fluchtwelle nach Europa

Nothelfer sprechen von der größten humanitären Krise Afrikas: Mehr als 500.000 Kindern und insgesamt sieben Millionen Menschen in Nigeria droht der Hungertod. Mit Folgen auch für Europa: Wie die Vereinten Nationen warnen, ist eine neue Fluchtwelle abzusehen, wenn die Menschen vor Ort nicht schnellstmöglich Hilfe bekommen. Vor allem für die Kleinen zählt jeder Tag. In einigen Dörfern sollen bereits alle Kinder unter vier Jahren gestorben sein. Unsere Afrika-Korrespondentin Nicole Macheroux-Denault berichtet von kaum vorstellbaren Zuständen.

In vielen Dörfern sind die Schwächsten schon tot. Es gibt keine Kleinkinder mehr. Erwachsene liegen apathisch auf dem Boden. Wer noch Kraft hat, marschiert mehrere Tage zur nächsten Gesundheitsstation. Die islamistische Terrororganisation Boko Haram wurde vom Militär zurückgedrängt. Doch in den nun wieder zugänglichen Gebieten zeigt sich Helfern ein Bild des Schreckens. "Die Menschen kommen nach tagelangen Märschen ausgehungert und durstig bei unserer Klinik an", schildert Nothelferin Frauke Ossig von den Ärzten ohne Grenzen. "Am schlimmsten ist es, wenn Menschen erschüttert erzählen, welche Familienmitglieder sie nicht mitnehmen konnten, weil diese schon zu schwach zum Laufen waren."

Der tägliche Kampf ums Überleben

Jeden Tag – so schätzen Hilfsorganisationen – sterben im Nordosten Nigerias 200 Kinder an Folgen des Hungers. Die Jüngsten sind oft zu schwach, den Strapazen nicht gewachsen - und ihre Mütter selbst zu erschöpft, um für ihre Kinder zu kämpfen, sagt der nigerianische Arzt Ebam Ebam. "Ich frage sie, wie sie ihr Kind im Flüchtlingslager versorgen will. Sie antwortet: Ich überlasse es Gott. Vielleicht ist es das Schicksal des Kindes zu sterben. Aber es ist doch nicht das Schicksal eines Kindes zu sterben, weil es nicht genug Unterstützung gibt." Hochkonzentrierte Erdnusspaste, die Hilfsorganisationen zur Verfügung stellen, rettet derzeit im Nordosten Nigerias tausende Kinderleben.

Seit Monaten betteln die Vereinten Nationen um Gelder für den Noteinsatz in Nigeria. Ihre Rufe wurden bisher kaum gehört. "Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nicht einschreitet, dann wird die Krise noch schlimmer", so der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Toby Lanzer. "Es wird noch mehr kosten, der Krise beizukommen - mit einem stets wachsenden Risiko für Europa. Wir müssen die Regierungen der Region unterstützen, damit die Menschen dort eine bessere Zukunft haben. Das ist es auch, was die Leute wollen. Niemand will freiwillig seine Heimat aufgeben."

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