"Ich verstehe die Sorgen der Eltern"

Babys ohne Hände geboren: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mahnt zur Ruhe

18. September 2019 - 9:59 Uhr

Das volle Statement von Jens Spahn - im Video!

Nachdem an einer Gelsenkirchener Klinik mehrere Babys mit Fehlbildungen an den Händen geboren wurden, mahnt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Besonnenheit. Es bringe nichts, die Menschen mit Spekulationen noch mehr zu verunsichern.

Babys ohne Hände: Jens Spahn will Fakten schaffen

"Erstmal verstehe ich sehr gut die Diskussion, auch die Berichte der Betroffenen, der Eltern, die natürlich in Sorge sind und sich Fragen stellen", sagte der Politiker RTL. "Deswegen nehmen wir das sehr, sehr ernst." An den Diskussionen und Spekulationen, die aktuell um mögliche Ursachen kursieren, wolle man sich nicht beteiligen. Spahn sei wichtig, "dass wir das wirklich auf Datenbasis, auf Faktenbasis diskutieren".

Und an dieser Stelle hapert es. Ein Melderegister für Missbildungen gibt es nicht, das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen ist aktuell dabei, sich einen genaueren Überblick verschaffen. Von NRW aus werde laut Spahn "federführend koordiniert, dass wir eine Datenerhebung bekommen". Das Ministerium will alle Geburtsklinken in NRW abfragen, um herauszufinden, ob dort ähnliche Fehlbildungen aufgefallen seien. Darüber hinaus wolle man Kontakt mit den Ärztekammern, dem Bund und den anderen Bundesländern aufnehmen, um möglichen Ursachen mit aller Sorgfalt nachzugehen.

Es gilt, mittels Zahlen zu erheben, ob es tatsächlich eine entsprechende Häufung gibt. "Das ist ja bis heute noch nicht abschließend geklärt. Umso mehr möchte ich dafür werben, dass wir nicht durch Spekulationen aller Art noch mehr Menschen verunsichern, sondern uns allen ein, zwei Tage Zeit geben, die Faktenlage zu klären", so Spahn.

Video: Experte erklärt mögliche Ursachen der Handfehlbildungen

Innerhalb von zwölf Wochen waren im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen drei Kinder mit einer fehlgebildeten Hand auf die Welt gekommen. Die Fälle öffentlich gemacht hatte die Kölner Hebamme Sonja Liggett-Igelmund. Wir haben mit ihr gesprochen. Inzwischen haben sich 30 betroffene Familien aus ganz Deutschland gemeldet. Laut der Klinik kämen statistisch gesehen ein bis zwei Prozent aller Babys mit unterschiedlich stark ausgeprägten Fehlbildungen zur Welt. Aber drei Babys mit fehlenden Händen machen selbst die erfahrenen Mediziner stutzig. "Fehlbildungen dieser Art haben wir viele Jahre lang nicht gesehen", erklärte das Krankenhaus. Es könne natürlich sein, dass sich die Fälle gerade zufällig häuften. "Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig."

Entsprechend groß ist nun die Sorge der Eltern. Die Fälle wecken Erinnerungen an den Contergan-Skandal in den 50er und 60er Jahren. Damals hatten Schwangere, die das Beruhigungsmittel genommen hatten, Kinder mit fehlgebildeten Armen zur Welt gebrachten. Zudem hatte es zwischen 2000 und 2014 ähnliche Fälle in Frankreich gegeben. Wie in Deutschland liegt die Ursache für die Missbildungen auch hier noch völlig im Dunkeln.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) fordert ein bundesweites Registert. Fehlbildungen bei Neugeborenen könnten sehr unterschiedliche Ursachen haben, weshalb dazu eine sehr sorgfältige Analyse erforderlich ist. "Ein Register würde uns auf jeden Fall weiterhelfen", sagte der BVKJ-Bundessprecher Hermann Josef Kahl.